Eine kleine Ode an die Freude

Der Oberammergauer Herrgottsschnitzer Sebastian Bretteisen pfiff in seiner Werkstatt fröhlich zwischen seinen Zähnen. Er holte sich einen weichen Lappen vom Regal über der Werkbank und legte sanft die drei Engel hinein, die er gerade poliert hatte. Er fand, sie waren ihm außerordentlich gelungen. Ihre feinen Gesichtchen, ihre kleinen wie zum Gesang aufgeblasenen Pausbäckchen schienen ihm meisterlich. Und einen der Engel hatte er gar wie aus einer himmlischen Laune heraus auf eine filigrane hölzerne Wolkenschaukel gesetzt.

Bretteisen griff versonnen nach dem großen Holzbohrer, um drei große Löcher in die Füße der drei Engel zu bohren. In diese Löcher sollten die Zapfen, mit denen er die Drei auf eine kleine runde Spieldose pfropfen wollte. Die Spieldosen hatte er immer in größeren Mengen zur Hand. Er hatte sie als einfache Sperrholzarbeit dutzendfach nach einer Schablone angefertigt und mit Spielwerken versehen, die er günstig von einem Händler bezog, der aus Fernost importierte.

Doch da rief schon Bretteisens Frau zum Abendessen, und Sebastian stapfte die Treppe hinauf in die Küche. Nach dem Essen las er noch ein wenig im Tagblatt und übte seine Stimme für den Choral, den er am nächsten Sonntag mit seinem Kirchenchor aufzuführen hatte, denn Sebastian Bretteisen war ein gottesfürchtiger Mann. Dann ging er wie jeden Abend früh zum Bett.

In der Nacht erwachte Sebastian Bretteisen von einem Druck auf der Blase, was in letzter Zeit öfter vorkam, schließlich war er nicht mehr der allerjüngste Mann. Er stand auf, erleichterte sich und schlüpfte sogleich wieder in die warmen Federn. Aber als er da so lag und noch nicht wieder ganz eingeschlafen war, hörte er auf einmal von Ferne ein seltsames Singen. Es war wunder-, wunderschön. Er hätte es weder mit Worten beschreiben können, noch konnte er überhaupt so recht die Melodie erfassen und mitsummen. Sie schien ihm voller Überraschungen und unerwarteter Wendungen und doch zugleich klar, majestätisch und auf eine himmlische Weise schwerelos und durchsichtig. Es klang, als würden drei Sterne übers Himmelszelt gezogen, sich freudig an den fernen Galaxien reiben und dabei warm glühende Funken aus überirdischen Tönen versprühen.

Sebastian Bretteisen legte sich auf die linke Seite, auf die rechte Seite, auf den Rücken. Er versuchte herauszufinden, woher die Musik kam. Drang sie etwa unten aus seiner Werkstatt? War vielleicht eine aufgezogene Spieluhr in der Nacht aus einer mechanischen Erschütterung heraus ins Spielen gekommen? Bretteisen verwarf den Gedanken sofort wieder, denn er kannte die Melodien aller Spieluhren dort unten, und diese Töne hier waren mit nichts zu vergleichen, was er je gehört hatte.

Die kleine sanfte Melodie, wenn man sie überhaupt Melodie nennen kann, denn Bretteisen hatte ihre innere Komposition immer noch nicht gänzlich erfasst, wurde leiser und leiser und schließlich schlief Sebastian Bretteisen friedlich ein.

Am nächsten Morgen trieb Bretteisen die Neugier um. Er lief in seiner Werkstatt auf und ab und suchte nach einer Quelle für die merkwürdigen Töne. Er hielt wohl jede Spieluhr einzeln in der Hand, rüttelte ein wenig daran, zog die eine oder andere auch ein wenig auf, um kurz ihre Melodie zu hören und legte doch jede wieder kopfschüttelnd weg. Schließlich zuckte er mit den Schultern und beschloss zu seinem Tagwerk überzugehen. Er öffnete die kleine Truhe, in die er die drei Engel gelegt hatte und holte sie einzeln heraus. Doch wie er diese kleinen Engel so in seinen großen Händen liegen sah, rührte es ihn ein wenig, und er fand nicht die Kraft, die drei großen Löcher in ihre Füße zu bohren. Das schien ihm an diesem stillen Morgen so, als müsste er die Füße eines Jesus von Nazareth durchbohren, bevor er ihn mit Holznägeln ans Kreuz schlug.

Bretteisen legte die Engel sorgfältig zurück, begann dies und das zu werkeln, aber nichts wollte ihm gelingen an diesem Tag. Eine Madonna, deren Gesichtszüge er verfeinern wollte, misslang ihm völlig, blöde und stier glotzte sie plötzlich aus ihrem Holz heraus. Und als er zu den heiteren Arbeiten überging und einen fast vollendeten Pinocchio polieren wollte, brach ihm gar dessen hölzerne Nase ab.

Unser wackerer Sebastian sah ein, dass an diesem Tag nichts zu gewinnen war und ging daran, seine Werkstatt zu säubern. Als er aber mit einem weichen Besen die Holzspäne von seiner Werkbank auf den Boden strich, da wurde er mit einem mal ganz tiefsinnig und er fragte sich, was diese Späne wohl verbrochen hatten, dass sie nicht zu seinen kleinen Kunstwerken gehörten. Dass sie erst fallen mussten, damit das Gestalt erlangte, was wirklich und wahrhaftig in einem Stück Holz verborgen war. Schließlich aber schob er den Gedanken beiseite und freute sich auf das Feuer, das er im Winter mit diesen Spänen in seinem großen Kachelofen in der Stube entzünden würde.

Während er noch so sinnierte, rief nun auch seine Frau wieder zum Abendessen. Er stapfte die Treppe hinauf, er aß, er las die Zeitung, er ging zu Bett. Aber bevor er einschlief, dreht er sich diesmal aus zwei von einem Papiertaschentuch abgerissenen Streifen zwei mächtige Pfropfen, die er sorgfältig in seine großen, wulstigen Ohren steckte. Er dreht sich um und schlief ein. Er musste aufstehen in der Nacht und tappte umständlich zur Toilette. Er kehrte zurück in sein warmes Bett, drehte sich um und schlief. Und am nächsten Morgen hätte er nicht sagen können, ob er erleichtert oder enttäuscht war, denn er hatte die Stimmen nicht wieder gehört.

Bretteisen frühstückte schnell im Stehen, ging hinunter in seine Werkstatt und begann die Spieluhr mit den drei Engeln zu vollenden. Er bohrte, verzapfte, leimte, und alles ging ihm recht froh von der Hand. Wenige Tage später verkaufte er die Spieluhr an einen auswärtigen Gast, der sie in seinem Fenster gesehen hatte. Es war ein Feriengast aus Übersee, der auch gleich noch eine Handvoll der billigen Schneekugeln dazu kaufte, die Sebastian Bretteisen als Attraktion für die Kinder in seiner Auslage hatte.

Sebastian Brenneisen lebte sein Leben weiter wie eh und je. Er schnitze weiter. Er gewann sogar einige Preise auf verschiedenen Ausstellungen für seine Standbilder des heiligen Simon Petrus und des heiligen Lukas. Er sang als gottesfürchtiger Mann im Kirchenchor. Den seltsamen Gesang aus jener Nacht hat Sebastian Bretteisen aber in der Tat nie wieder gehört. Er hätte nicht sagen können, ob er erleichtert oder enttäuscht darüber war. Aber an manchem Morgen erschien es ihm, als fehlte ihm etwas und als gäbe es da eine Welt, die er nie zu betreten gewagt hatte.

(B)

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5 Kommentare zu “Eine kleine Ode an die Freude

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