Eine kleine Ode, Teil 2

Jahre später. Dem Oberammergauer Herrgottsschnitzer Sebastian Bretteisen waren bereits graue Haare gewachsen, und Enkelkinder, die zwischen seinen Füßen spielten, und größer wurden, und merkwürdige, englisch-klingende Fernsehsender anschauten, in denen den ganzen Tag billige Spieluhren auf und ab liefen.

Eines Nachts, hörte er ein leises Klopfen an seinem Werkstattfenster. Ächzend stieg er aus dem Bett, schlüpfte in die karierten Hausschuhe, die Herren in seinem Alter jedes Weihnachten bekamen, und stieg vorsichtig und mit knirschenden Knien die steile Treppe hinunter. Der Anblick seiner Werkstube ließ ihm den Atem stocken. Die alte Werkbank, die Dübel, die Sägeblätter, selbst die Holzscheite und Späne auf dem Boden waren in ein goldenes Licht getaucht. Und er vernahm eine Melodie, die ihm vertraut schien, auch wenn er sich nicht recht besinnen konnte, wo und wann er sie zum ersten Mal gehört hatte.

Da fiel sein Blick auf das Fensterbrett. Im Mondlicht tanzten drei Engel, und er erkannte in ihren Gesichtszügen jene hölzernen Figuren, die er vor Jahren geschnitzt und einem fremden Mann verkauft hatte. Doch die Bewegungen der drei waren fließend und grazil, als wären sie aus Fleisch und Blut. Andächtig lehnte er im Türrahmen, ängstlich, eine hastige Bewegung könnte die zauberhaften Wesen vertreiben, oder gar in einen dieser Kobolde verwandeln, die den Schreinermeister im Kinderfernsehen heimzusuchen pflegten. Doch da: einer der Engel winkte ihm zu, und der zweite lächelte ihm aufmunternd entgegen, und der dritte sang weiter, hell und klar.

Da fasste sich Sebastian Bretteisen ein Herz, lief auf das Fenster zu und öffnete es, um sogleich andächtig zurückzutreten. Die drei Engel flatterten um seinen Kopf, setzten sich auf seine Schulter, und einer, der sich etwas verschnupft anhörte, hüpfte verschmitzt in die Brusttasche seines alten, gestreiften Pyjamas und schmiegte sich an seine Brust, das ihm ganz warm ums Herz wurde.

„Danke,“ flüsterte ihm einer der Engel ins Ohr, und schon stimmten die drei wieder ihr Lied an, und sangen und sangen, bis Bretteisen vor lauter Glück umfiel.

Am nächsten Tag fanden ihn seine Enkelkinder, und sie staunten nicht schlecht, als sie sahen, dass der Boden der großväterlichen Werkstatt nicht mit Spänen und Holzscheiten, sondern mit vielen Goldstücken übersät war, die leise klingelten, wenn man sie aufhob und in einen Beutel legte.

(C)
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