Eine kleine Ode, Teil 3

Sebastian Bretteisen war schwer gebaut. Seine Knochen wogen wie Elfenbein. Und auch im Alter hatte er sich durch das Werkeln in seiner Schnitzerwerkstatt, das Hin- und Hertragen der schweren Holzblöcke und die Arbeit im Wald – denn zuweilen schlug er das Holz für seine Figuren noch selbst ein – seine kräftige Muskulatur erhalten.

So stöhnte und ächzte die ganze Familie Bretteisen, als sie den Großvater zwei steile Treppen hinaufschleppte unters Dach und in sein Bett legte. Maria Bretteisen, sein treues Weib, flößte ihm eine warme Hühnerbrühe ein. Man verständigte einen Arzt, der bald herbeieilte. Und alle Erwachsenen versammelten sich zum Gebet in der Stube. Die Kinder spielten derweil immer noch wie verzaubert in der vergoldeten Werkstatt.

Bretteisen schien mehr tot als lebendig, aber er hatte ein seeliges Lächeln auf seinen Lippen. Die Brühe wollt er nicht schlucken. Das Fieberthermometer spie er entrüstet wieder aus. Und dann öffnete er langsam seine Augen. Wie ein Fremder sah er sich in der Stube um. Die vielen Gesichter, die er nicht kannte, die Kinderstimmen unten aus der Werkstatt. In der Ecke saß eine alte Frau und betete unentwegt den Rosenkranz.

Aber Sebastian Bretteisen hatte eine wahre Pferdenatur. Er erholte sich bald wieder. Man bezahlte den Arzt mit Goldstücken. Man schloss die Werkstatt und den Laden, um den Alten zu schonen. Und langsam erkannte Bretteisen seine Familie wieder, seine Frau, seine Kinder- und Kindeskinder, die Nachbarn und zuletzt auch die Gefährten aus seinem Kirchenchor.

Die Familie Bretteisen war niemals arm gewesen, aber auch nicht übermäßig reich. Doch jetzt, wo überall im Haus die Beutel klangen, konnte man sich auch den ein oder anderen Schnickschnack leisten, über den Sebastian Bretteisen früher immer die Nase gerümpft hatte. Denn Sebastian Bretteisen wusste, dass das letzte Hemd keine Taschen hat und dass er vor seinem Schöpfer dereinst nicht mit Goldstücken erscheinen würde, sondern mit dem, was er aus seinen Talenten gemacht und geschaffen hatte.

Wir sehen, unser Sebastian war ein aufrechter, kluger, wenn auch zuweilen etwas zaudernder Mann. Aber dieser Sebastian Bretteisen hatte auch einen Schwiegersohn.

(B)
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