Eine kleine Ode, Teil 4

Über dem Oberammergauer Waldweg markierten kleine blaue Wölkchen den Pfad, den Sebastian Bretteisen und sein Schwiegersohn beschritten. Der Herrgottschnitzer sog genüsslich an seiner Meerschaumpfeife und blies blaue Kringel in die Luft. Wer ganz genau hinsah, konnte beobachten, wie kleine Engel – drei an der Zahl – aus den Kringel kleine Wölkchen formten, auf denen sie sodann durch den weihnachtlichen Winternachmittag sausten.

Matthias Silberbach jedoch bemerkte von dem Trubel nichts, zu sehr war er in das Gespräch vertieft, das er mit Sebastian führte. Beide Männer verband eine innige Freundschaft, denn sie teilten eine kreative Leidenschaft. Bretteisen konnte aus einem Stück Holz eine Figur schlagen, er brauchte den Scheit nur zu sehen, und schon traten die Formen und Linien so klar vor sein Auge, dass seine Werkzeuge wie von Zauberhand geführt über den Werkstoff glitten. Und sobald Matthias Silberbach ein Blatt Papier – oder einen leeren Bildschirm – vor sich hatte, sah er, wie sich auf der weißen Oberfläche Figuren abzeichneten, die sich allmählich bewegten und in Geschichten eintraten, die sich so schnell fortspannen, dass er es kaum vermochte, ihre Spuren rechtzeitig aufzuzeichnen.

Seine Eltern hatten nie verstanden, warum er nach seinem siebenjährigen Germanistikstudium – er liebte magische Zahlen, und hatte auf dem siebten Jahr bestanden – nicht alles daran gesetzt hatte, auch ein tüchtiger Deutschlehrer zu werden. Doch Matthias hatte eines Tages einen Schuhkarton genommen, und sämtliche Reclamheftchen, die er nur aus Pflichtbewusstsein gekauft hatte, einfach vor dem nächstbesten humanistischen Gymnasium ausgesetzt: Sollten Kellers Romeo und Julia doch machen, wonach ihnen der Sinn stand! Seitdem besaß er nur noch Bücher, die er besitzen wollte, und den leeren Fleck, den früher die kleinen Gelben besetzt hatten, zierte eine von Bretteisens Holzfiguren.

„Nimm das Geld. Nimm es, und schreibe, schreibe, schreibe, bis ein ganzes Romanpersonal in Deinem Arbeitszimmer wohnt. Schreibe ihnen die beste Geschichte der Welt, eine, wo man glaubt, die Figuren selbst im Haus zu haben, ihre Schatten zu sehen, ihre Stimmen zu hören…“, vernahm der kühnste der drei Engel, der dem frostigen Wind trotzend mutig auf der vordersten Rauchwolke voranpreschte und mit bibbernden Zähnen eine Melodie klapperte. Und Matthias schaute versonnen einem Eichhörnchen nach, das flink und wendig an einer Tanne empor klomm. Er sah eine Blockhütte vor sich, tief in den kanadischen Rockies, eine Tasse dampfenden Kaffee und zwei Honigbrötchen auf einem großen Tisch und Berge Papiers, so weiß wie der kanadische Schnee.

(C)
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