Eine kleine Ode, Teil 5

„Schau“, sagte Sebastian Bretteisen eine Wegbiegung später, „diese drei Engel lassen mir keine Ruhe. Ich dachte, ich hätte sie mit meinen eigenen Händen geschaffen. Aber es muss etwas Größeres in ihnen stecken, denn sie sind lebendig geworden und zu mir zurückgekommen, selbst nachdem ich sie verkauft und lange vergessen hatte. Sie haben ihre eigenen Seelen und fliegen ihre eigenen Wege. Und außer mit dir kann ich mit keinem darüber reden.“

Bretteisen blieb einen Moment stehen und drehte mit der Spitze seines Wanderschuhs einen Stein auf dem Weg um. Ein großer schwarz glänzender Käfer sprang darunter hervor, flitzte über den Weg, polterte mit seinem Geweih gegen allerhand umherliegende Stöcke und purzelte dann kopfüber in den Graben neben dem Weg.

„Am meisten Kopfzerbechen aber macht mir der Buschberger Burkhard. Du weißt, Matthias, dass ich seine seelenlose Schnitzerei noch nie leiden konnte. Er war seit jeher der Schandfleck in unserer Innung. Aber jetzt, nachdem diese Sache mit meinen Engeln in ganz Oberammergau erzählt wurde und auch im Tagblatt stand, jetzt ist er selber wieder daran gegangen, Engel zu schnitzen. Jahrelang hat er diese frivolen Weiber ausgestellt, die er mit Maschinen aus billiger Kiefer gefräst und dann bunt angemalt hat. Warum jetzt auf einmal Engel?“

Bretteisen seufzte schwer und schaute seinen Schwiegersohn Rat suchend an.

(B)
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