Eine kleine Ode, Teil 6

„Nun, kein Mensch kann auf Dauer von Meerschweinchensärgen mit Intarsienarbeit leben. Das ging eine Weile gut, als das große Meerschweinchensterben das Land heimsuchte, aber jetzt…“ Sebastian lachte so laut auf, dass er sich an seinem Pfeifenqualm verschluckte, und in kurzer Zeit dreiunddreißig klitzekleine blaue Kringel gleichzeitig aus seinen Ohren, den Nasenlöchern und dem Mund hervorstoben. Matthias klopfte seinem Schwiegervater lächelnd auf den Rücken, und sieben weitere Kringel barsten in die frostig klare Luft.

“Kennst Du die Geschichte vom Großen und vom Kleinen Klaus? Nun, dem kleinen Klaus war das Pferd gestorben. Oder, um genau zu sein, der große Klaus hatte es erschlagen. Da blieb dem Kleinen Klaus nichts übrig, als die Pferdehaut zu nehmen, und sich auf den Weg in die Stadt zu machen, um sie dort zu verkaufen. Unterwegs machte er bei einer Mühle Halt. Die Nacht war schon eingebrochen, und er hoffte, die Müllerin würde ihm ein Dach über dem Kopf und ein warmes Mahl gewähren. Doch die Müllerin verwies ihn in die Scheune. Es schicke sich nicht, in des Müllers Abwesenheit Besuch zu empfangen. Vom Scheunenfenster aus konnte der kleine Klaus sehen, dass die Müllerin bereits Besuch hatte. Der Pastor saß am Tisch, und die Müllerin zauberte eine herrliche Speise nach der anderen hervor, dass dem kleinen Klaus das Wasser im Munde zusammenlief. Aber da hörte er einen Pferdewagen. Der Müller war zurückgekehrt, und die Müllerin versteckte rasch ihr wunderbares Essen: den Wein im Schrank, den Braten im Ofenrohr, den Kuchen unter dem Bett, und den Rotkohl auf dem Schrank. Den Pastor bat sie, sich in die hölzerne Truhe zu legen, und ganz mucksmäuschenstill zu sein. Dem hungrigen Müller tat sie ein einfaches Essen aus Hirsebrei auf, und als der kleine Klaus das sah, fasste er sich ein Herz und klopfte erneut an die Mühle. Er wurde herzlich aufgenommen und bekam sogleich eine Schüssel Hirsebrei. Da trat er gegen die Pferdehaut, die unter dem Tisch versteckt hatte. Das quietschende Geräusch ließ den Müller aufhorchen. Der kleine Klaus erklärte, sein Zauberer hätte ihm gesagt, im Ofenrohr stünde ein wunderbarer Braten… Nach und nach ‚zauberte’ der kleine Klaus einen Tisch voller Speisen, und der Müller zögerte nicht lange, ihm eine gehörige Summe Gold für den Zauberer anzubieten. Und er erhöhte die Summe um ein Vielfaches, als er erfuhr, der Tefel persönlich stecke in der Truhe, und der kleine Klaus würde sich seiner schon annehmen. Als der große Klaus vom Reichtum seines kleinen Bruders erfuhr, schlug er alsbald seine vier Pferde tot, und machte sich auf in die Stadt…“

Sebastian staunte nicht schlecht. So ein studierter Germanist konnte Geschichten erzählen! Und er lachte zugleich: „Weißt Du, dass die Verkaufsstellenleiterin vom Oberammergauer Edeka immer meinte, der Buschberger Burkhard hätte so einen bösen Blick, dass jedes Meerschweinchen sofort umfalle, wenn es ihn nur sieht?“
Die beiden Männer prusteten wie zwei Schulbuben.

Doch dann stob auf einmal eine gehörige Portion Schnee direkt auf Matthias’ Geheimratsecken. Verdutzt blickte er zu der großen grünen Tanne hinauf, unter der er gerade stand, und glaubte, einen kleinen Engel zu sehen, der so ausgelassen auf dem Baumwipfeln wippte, dass ein wahres Schneegestöber entstand. Ein Schneegestöber, das ihn wieder an die Berghütte in den kanadischen Rockies denken ließ.

(C)
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