Des edlen Bertram Humbug zu Hühnerklein wunderliche Städtepoesie…

… worin er eine umständliche volksetymologische Reise unternimmt zum Nutzen und zur Erbauung des Lesers, welcher in diesen Papieren treuliche Aufklärung finden wird nicht nur über Art und Herkunft, sondern auch über Treiben und Wirken der deutschen Städte und Stämme. Gegeben anno Domini 2009 und 2010 auf seinem trefflichen Lustschlosse an der Hafenmauer.

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78 Kommentare zu “Des edlen Bertram Humbug zu Hühnerklein wunderliche Städtepoesie…

  1. 9.

    Wir verließen Garmeiers Abteilung und standen wieder auf dem Flur und kamen an einer Tür vorbei, an der sich kein Schild befand. Bormann wollte eiligst daran vorbeigehen, doch ich hielt ihn wissbegierig am Arm fest.
    „Was ist denn hier drin“, fragte ich Bormann erregt.
    Dieser wurde verlegen und dachte kurz nach.
    „Eigentlich darf ich Ihnen darüber keine Auskunft geben, aber für Sie als sehr überzeugten Deutschen… nun gut.“
    Bormann schluckte und fuhr fort: „Junior ist da drin.“
    „Junior?“
    „Junior ist eben Junior. Oder korrekt gesagt Adolf Hitler Junior.“
    Minutenlang herrschte Stille. Dann fing ich herzzerreißend zu weinen an.

    „Schon wieder?“
    „Na ja…“, sagte Waldemar nur achselzuckend.
    „Adolf Hitler Junior. Ich fasse es nicht.“

    „Reißen Sie sich doch zusammen, Mann“, herrschte Bormann mich an.
    Doch ich konnte nicht und umarmte mit tränennassem Gesicht den sichtlich überraschten Bormann und schluchzte: „Der Führer hat einen Sohn! Mein Führer hat einen Sohn! Einen Sohn!“
    Nach fünf Minuten hatte ich keine Tränen mehr und sagte: „Ich hätte es mir nie träumen lassen, dass unser großer, überragender Führer einen Sohn hat. Einen Nachfolger für das übergroße Erbe. Adolf Hitler II.. Heute ist der schönste Tag meines Lebens.“
    Bormann hatte nun auch Tränen in den Augen, straffte sich aber und wollte weitergehen, doch ich hielt ihn zurück.
    „Ich möchte ihn so gerne sehen und ihm die Hand schütteln, Herr Bormann.“
    Bormann überlegte kurz.
    „Bürzel, nicht jeder hat Junior zu Gesicht bekommen. Also gut… Aber ich muss Sie darauf hinweisen, dass er ein Pekinese, nein, Liliputaner ist… immer verwechsele ich das… und sich nur sehr selten hier in unserer Öffentlichkeit sehen lässt. Ja“, sagte Bormann, als er mein entsetztes Gesicht sah, „ein Liliputaner, der hier unten 1946 das Licht unserer Welt erblickte.“
    „Ein Liliputaner? Das kann nicht sein! Nein, ich will es nicht glauben…“
    „Doch, Bürzel, es ist wahr.“
    „Ein Kind von Adolf Hitler und Eva Braun ein Kleinwüchsiger? Es darf einfach nicht sein!“, schrie ich wie ein verwundetes Tier auf.
    „Bormann, Sie lügen!“
    Ich griff an Bormanns Hals und schrie ihn mit funkelnden Augen an: „Sie sind ein Lügner! Sagen Sie die Wahrheit!“
    Der alte Martin Bormann zitterte am ganzen Körper, ließ vor Schreck einen furchtbaren Stinker fahren und antwortete weinerlich: „Beruhigen Sie sich doch. Ich lüge nicht. Adolf Hitler Junior ist ein Liliputaner – oder wie Sie richtigerweise gesagt haben – ein Kleinwüchsiger. Und er ist daran schuld, dass wir noch immer hier unten festsitzen.“
    „Ich kann und will es nicht glauben!“
    Und nach einer nachdenklichen Pause: „Mein Führer muss es schon vor Kriegsende gespürt haben, sonst hätten wir unsere Feinde noch vernichtend geschlagen.“
    „Wahrscheinlich, junger Mann. Denken Sie doch! Unser Führer mit einem Liliputaner als Sohn! Unvorstellbar!“

    „Wahnsinn.“
    Ein anderes Wort fiel mir bei der Erzählung Waldemars nicht ein.
    „Kaum zu glauben, nicht wahr“, entgegnete er.

    „Ich will ihn sehen“, sagte ich trotzig.
    „Bitte“, Bormann öffnete eine kleine Klappe an der Tür.
    Ängstlich schaute ich hinein. Zusammengekrümmt auf einem Bett lag tatsächlich ein Kleinwüchsiger. Er trug einen braunen Minianzug. Neben der Schlafstatt stand auf einem Nachttisch ein Tonbandgerät, das Junior plötzlich anstellte. Nun konnte ich sein Gesicht betrachten und tatsächlich hatte er eine große Ähnlichkeit mit seinem Vater. Er trug sogar das gleiche Bärtchen wie sein Erzeuger. Vom Tonband dröhnte die Stimme des Führers – eine seiner berühmtesten Reden. Junior sprang auf und stellte sich breitbeinig auf das Bett, gestikulierte wie sein großer Vater und versuchte auch synchron den Text nachzusprechen. Ich nahm Haltung an und lauschte verzückt der Rede.
    Bormann sprach nun leise auf mich ein: „Kommen Sie doch, bitte.“
    Doch ich sträubte mich: „Ich möchte der Rede des Führers gerne noch lauschen.“
    Bormann ließ mich gewähren. Als die Rede verklungen war, zuckte Adolf Hitler II. zusammen und erschlaffte. Er legte sich wieder nieder und schloss die Augen.
    Nur mühsam fand ich die rechten Worte: „Unsere Zukunft liegt da drinnen!“

    „Haben Sie es wirklich so gesagt?“, fragte ich abermals erschüttert.
    „Es schien mir in dieser Situation angebracht“, verteidigte Bürzel sich wieder.

    Bormann nickte kurz und schob mich weiter zur nächsten Tür.

    Kapitel 9 aus: „Die unfassbare Geschichte des Waldemar Bürzel von Alfons Lücht
    Untertitel: „Der Stinker im Rhabarberbeet“

  2. 10.

    „Abteilung Kultur“ stand da zu lesen. Martin Bormann öffnete die Tür. Inmitten einer ziemlich großen Halle stand ein ca. 20-köpfiger Altmännerchor. Die Herren steckten in braunen Uniformen und sangen völkische Lieder. Vor ihnen dirigierte der Chorleiter, ein älterer schwarzhaariger Mann, der, als er Bormann und mich sah, sofort die Probe unterbrach.
    Er schrie dem Chor: „Pause!“ zu und hob den rechten Arm zum Hitlergruß.
    „Darf ich vorstellen? Unser Reichskulturleiter und Erster Reichssänger Aloisius Kehlheimer, Gauleiter Waldemar Bürzel“, sagte Martin Bormann und forderte Kehlheimer auf von seiner Arbeit zu berichten.
    Aloisius schaute Bormann bewegungslos einige Augenblicke an und wandte sich mir dann langsam und bedächtig zu: „Ja… hauptsächlich bin ich Chorleiter. Ich habe vom Führer den Auftrag bekommen unserem deutschen Volke die originale, unverfälschte deutsche Kultur nahe zu bringen. Als da wären deutsche Lieder, deutsche Gedichte, deutsche Prosa – frei jedweder ausländischer Einflussnahme. Eben deutsch muss alles sein. Wie auch die deutschen Maler, aber nur die, die natürlich frei von ausländischer Dekadenz sind. Der deutsche Mann und die deutsche Frau müssen unsere deutschen Lieder in ihren reinen deutschen Herzen spüren. Deutsche werden mit ihrer deutschen Kultur einmal die ganze Welt beherrschen…“
    „Bald“, unterbrach ich ihn vollkommen begeistert, „… deutsche Lieder für Deutschland und die Welt!“
    Plötzlich begann Kehlheimer die deutsche Nationalhymne anzustimmen. Flammende Röte zeigte sich auf seinen Wangen, als ich ihn schweren Herzens unterbrach: „Herr Kehlheimer, warum haben Sie unarische schwarze Haare?“
    Er schluckte kurz und antwortete schließlich: „Gauleiter, ich bin ohne Zweifel arisch! Arisch bis ins Mark!“
    Ich schaute ihn misstrauisch an und murmelte: „So?“
    „Ich kann doch nichts für meine schwarzen Haare und braunen Augen. Meine Seele ist blond und hat strahlend blaue Augen!“
    Zerknirscht sank Aloisius Kehlheimer nieder und umfasste meine Knie.
    „Ich bin deutsch! Glauben Sie mir, bitte. Deutscher geht es nicht.“
    „Herr“, echauffierte ich mich, „ich bin der deutscheste Deutsche, den es gibt!“, wies ich ihn zurecht.
    Beleidigt wandte ich mich ab, während Kehlheimer weinend auf dem Boden lag und herzzerreißend schrie: „Ich bin deutsch. Deutsch, deutsch, deutsch, deutsch…“
    Bormann versuchte Aloisius Kehlheimer zu beruhigen und auch die Sänger kamen heran und sprachen beruhigend auf ihren Chorleiter ein. Sie halfen ihm wieder auf die Beine und stellten ihn auf das Dirigentenbänkchen. Schon kehrte das Leben in ihn zurück.
    „Das Deutschland-Lied! Aber vollständig, meine Herren“, rief er seinem Chor zu.
    Bormann und ich waren schon wieder auf dem Flur und hörten entrückt dem Vortrage zu. Ich musste weinen, als ich die Strophe mit der Etsch hörte.

    „Mein Gott! Sie haben ja fast ohne Unterlass geheult. Waren die Tränen vielleicht doch echt? Seien Sie ehrlich, Bürzel!“, mahnte ich ihn.
    „Nun, es hat mich eben immer überkommen. Und das Deutschland-Lied von einem Männerchor gesungen ist schon was Feines“, entschuldigte sich Waldemar abermals.

    Begeistert applaudierten wir.
    „Etsch, wir kommen“, schrie ich voller Enthusiasmus in den menschenleeren Flur hinein.
    Dann standen wir vor der nächsten Tür.

    Kapitel 10 aus: „Die unfassbare Geschichte des Waldemar Bürzel“ von Alfons Lücht
    Untertitel: „Der Stinker im Rhabarberbeet“

  3. Hauskauf

    Wer kennt den Film mit Tom Hanks „Geschenkt ist noch zu teuer“? So einen Glückskauf machten wir auch. Gut, für 100.000 Mark inklusiv Grundstück kann man natürlich keine Villa erwarten, wo auch alles in Ordnung ist. Aber unser Haus (Siedlungshaus mit Zwischenbau und Anbau) kam dem des Films doch sehr nahe. Bis auf die fabelhafte Badewanne, die von einer oberen Etage bis ins Erdgeschoss sauste, hatten wir alles. Sichtbar waren natürlich einige Schäden, wie die kaputte Fassade hin zur Wetterseite – also abgesprungener und weggerutschter Putz, aber die anderen unangenehmen Feinheiten kamen erst nach und nach zum Vorschein.
    Wo fange ich an? Vielleicht beim kleinsten Kinderzimmer oben. Dort war die Decke teilweise vom Dachboden aus durchgetreten worden, da dieser nicht ausgeflurt war und die Kinder der Vorbesitzer dort oben scheinbar des Öfteren gespielt hatten. Das im Zimmer vorhandene Waschbecken musste wieder abgebaut werden, da die Abwässer flugs unten im Mauerwerk landeten und dann bald in Form eines nassen Flecks wieder im Wohnzimmer auftauchten. Ja, und nicht zu vergessen das Holzfenster, wo die Scharniere gebrochen waren, was ich beim Lüften nach dem Tapezieren gerade noch rechtzeitig bemerkte, sonst wäre das Fenster nach draußen in die Tiefe gefallen.
    Ein weiteres Beispiel gefällig? Das Zimmer nebenan. Dort hing der gesamte Putz auf der Seite zum Dach lose in der alten Tapete.
    Oben befand sich auch eine kleine Dachterrasse. Eigentlich ganz schön, aber das Regenwasser fand seinen Weg unter den dortigen Klinkersteinen und rieselte entweder an der Hausfassade herunter – wie eine Tropfsteinhöhle sah es dort aus – oder lief auch besonders stark unter der Terrassentür hindurch in ein anderes Zimmer, was wir zuerst als Fernsehzimmer und später als weiteres Kinderzimmer nutzten. Von da aus wanderte das Regenwasser weiter nach unten und fing sich in der Tapete im Flur. Als wir eines Tages nach einem gewaltigen Regenschauer nach Hause kamen, hing eine richtig große Wasserblase im Flur, die ich zum Platzen brachte. Herrlich. Der Teppichboden war danach nass, aber die Tapete überstand dieses Abenteuer fast unbeschadet.
    Übrigens hatten die Hausvorbesitzer unter den Klinkersteinen der Dachterrasse eine Eisenplatte einsetzen lassen. So kam in die 2 Räume unterhalb der Dachterrasse immerhin kein Wasser durch.
    Nebenbei stand in dem Zimmer zur Dachterrasse bei Regen Wasser auf der inneren Fensterbank.
    Bei Schneefall lag viel Schnee auf dem Dachboden, wo die Dachpfannen eben nicht mehr die besten waren. Dafür stand dann auch der Keller unter Wasser, wo sich auch bald mächtige „Salpeteradern“ zeigten, ebenso wie im Heizungsraum und über der Haustür. Eine Wand des Heizungsraums war regenwasserdurchlässig und die Decke fast komplett durchgetreten. Einfach faszinierend!
    Der Salpeter über der Haustür war nur zwei abgebrochenen Dachpfannen geschuldet, von denen das Wasser jahrelang ständig neben der Haustür an der Wand hinuntergelaufen war und somit den Schaden verursacht hatte.
    Außen war unter dem Schlafzimmerfenster, was zur Wetterseite zeigte, ein größeres Loch im Putz, was notdürftig mit einigen Holzstücken verstopft war. Auch herrlich.
    Das Toilettenfenster war undicht, überall in den Zimmern waren schwarze Feuchtigkeitsflecken unten an den Wänden und es gab viele Löcher und Risse, die ausgebessert werden mussten.
    Überraschend hatten wir auch keinen Kanalanschluss. Aber eine private Klein-Kläranlage war irgendwie nicht zu finden, stattdessen fand ich eine skelettierte Ratte im Anbau, der einst als Stall genutzt worden war, neben viel Dreck und Unmengen leerer Fischkisten.
    Nach der ungefähren Schätzung eines Handwerkers griff ich zum Spaten und stieß unter einer 50 cm dicken Erdschicht tatsächlich auf den ersten Betondeckel der Kläranlage. Dann legte ich auch die anderen 2 Deckel frei.
    Danach begann ich vorsichtig am Haus zu graben um nach den Ursachen des Salpeters zu forschen. Und das Ergebnis war erschreckend. Das gegrabene Loch unter dem Abwasserrohr zu unserer Kläranlage lief sogleich voll Wasser. Eine Grabeaktion in Höhe der Waschküche erbrachte sogar schäumendes Wasser im Loch, da gerade die Waschmaschine lief. Das Fazit: Sämtliche Abwasserleitungen sind undicht, das Haus schwimmt im eigenen Saft und „last but not least“ die Kelleraußenwände sind nicht verputzt.
    „Ja“, sagte später ein Maurer, „die haben von innen gemauert!“
    Toll. So begann ich das ganze Haus inklusiv zweier Kellerwände auszugraben, bekam tatsächlich Muskeln und stieß auf manchen Schatz. Neben viel Müll und leeren Konservendosen fand ich auch einen Eisenofen und ein angekokeltes, aber sonst noch vollständiges Sofa. Besonders die Sprungfedern des Sofas bereiteten mir schwierige Ausgrabungsstunden. Die Kellerwände wurden verputzt, ich strich später mächtig Bitumen auf die Wände und neue Rohre wurden verlegt, bevor ich die Gräben wieder Stück für Stück zuwarf. Leider stand unser Haus auch noch mitten auf einer dicken Lehmschicht, wo mir, als ich dort am Graben war, viel Wasser entgegen rauschte. Schließlich grub ich auch unsere Kläranlage mit den Verrieselungsröhren, die damals noch aus vielen Tonröhren bestanden, die mit Dachpappe umwickelt waren, komplett auf. Nachdem ich ungefähr 30 bis 40 m lange neue Gräben ausgehoben hatte, verlegten wir hier mit Kokos ummantelte Rohre. Was für eine Arbeit! Und stieß leider auch dort auf Lehmadern. Aber eines Tages war auch diese schweißtreibende Arbeit erledigt. Ich weiß nicht, wie viel Kubikmeter Erde ich bewegt habe, aber es war eine Menge.
    Einige Jahre später durfte ich mich nach Problemen mit den Abwässern – das „Gute“ stand schon in der Regenrinne, da die Klärgrube darüber belüftet wurde – wieder um unsere Klärgrube kümmern, stand sogar nach dem Abpumpen in einer Kammer bis zu den Knöcheln in der „Schiete“ und hob neue Verrieselungskanäle aus. Dieses Mal waren es wohl wieder an die 30 Meter.
    Ja, das Haus brachte uns schon einiges an Freude ein und nicht nur Asseln und Mäuse. Auch Flöhe gehörten dazu, die vom Hund, der auch tiefe Kratzspuren an einigen Zimmertüren hinterlassen hatte, der Vorbesitzer stammten. Ein neues Dach, neue Fenster und neue Türen folgten, da die vorhandene Haupteingangstür sich zum Beispiel nicht richtig schließen ließ. Aus den Steckdosen wehte uns ständig ein kräftiger Wind entgegen und eine Isolierung war praktisch nicht vorhanden. In der Kellertreppe fühlte sich ein ganzes Holzwurmvolk wohl. Viele andere kleine und große Reparaturen waren notwendig um das Haus für uns wohnlich zu gestalten.
    Interessant war auch das ständige Plätschern in unserem abgedeckten Brunnen. Zuerst dachten wir, dass das Wasser von den Regenrinnen in den Brunnen geleitet wurde, aber es plätscherte auch bei strahlendem Sonnenschein. Als ich schließlich auch am Brunnen grub, fand ich das Übel. Die Küchenabwässer wurden dorthin abgeleitet. Eine blöde Idee der Vorbesitzer! Warum? Unbegreiflich. Also grub ich weiter – ich hatte ja schließlich Übung darin. Nach der Fertigstellung wurden die Küchenabwässer natürlich an das Abwasserrohr zu unserer wunderbaren Klein-Kläranlage angeschlossen und das Regenwasser, was bis dahin in die Kläranlage ging – was für ein Blödsinn, wanderte von nun an in den Brunnen.

    Immerhin hatten wir einen schönen Garten mit Obstbäumen, mit selbst gezogenem Gemüse, mit eigenen Kartoffeln und Erdbeeren. Und ich tobte mich als Baumpflanzer und Baumumpflanzer mächtig aus. Nur das Rasenmähen gefiel mir ganz und gar nicht.
    Ein Turmfalke nutzte unser Haus über ein Jahr lang als Nachtquartier und ein Hase hatte seine Sasse einen ganzen Sommer in unserem Garten. Auch Hornissen und einmal einen Totengräber-Käfer, der emsig, aber mühsam eine tote Maus für sich und seine Nachkommen „beerdigte“ konnten wir beobachten.

    Zu erwähnen wäre eine jedes Jahr wiederkehrende Isolationshaft, wenn unser Grundstück nur noch eine Insel im weiten Güllemeer ist, da die Bauern die Gülletanks auf ihren Äckern um uns geflutet haben, was sehr gerne bei besonders schönem Wetter geschieht und man tags darauf froh sein kann, wenn trotz noch leicht bäurisch-parfümierter Luft Fenster und Türen wieder vorsichtig geöffnet werden können.

    aus: „Ein notorischer Stiesel“ von Fritz Eitel von Sonnenschein

  4. Marzipan-Randy und der Postraub

    Niedlich und Knülle wurden eines schönen Morgens zur Oberpostdirektion gerufen. Verbrecher hatten eine neue Einnahmequelle für sich entdeckt. Es ging um das Aufstellen von illegalen Postkästen. Ein bisher einmalig ausgeführtes Verbrechen.
    „Wer kommt nur auf so einen Schwachsinn“, raunte Marzipan-Randy Knülle zu, als sie Oberpostrat Theodor Müllmeyer, der dem Aussehen nach kurz vor seiner Pensionierung stehen musste, gegenübersaßen.
    „Schwachsinn?“, fragte der Oberpostrat pikiert, „was ist daran Schwachsinn, mein Herr?“
    „Es ist ein sehr aufwändiges Verbrechen mit eventuell nur geringem Erfolg“, rechtfertigte Kommissar Niedlich sich und schaute Oberpostrat Müllmeyer belustigt an.
    „Es wird immer wieder Geld in Briefumschlägen verschickt. Warenproben und ach, es gibt vielerlei Dinge, die in den Postversand gehen“, sagte Müllmeyer schwärmerisch, „es kann durchaus lukrativ sein, es zu durchwühlen.“
    „Ja, ja“, beschwichtigte Marzipan-Randy und schaute seinen Assistenten hart an, „wo fangen wir an, Knülle?“
    Und dann wandte er sich – ohne auf eine Antwort von Knülle zu warten – wieder an den Oberpostrat: „Und sie sagen, dass die Postkästen immer an anderen Stellen in der Stadt auftauchen? Und woran können wir die illegalen Kästen erkennen? Und wo befinden sich im Moment die postfremden Brief- oder Postkästen?“
    Selbst für Marzipan-Randy waren es sehr viele Fragen auf einmal, aber der ältliche Oberpostrat Theodor Müllmeyer war bereit sie zu beantworten: „Immer woanders. Jeder Postbeamte erkennt die illegalen Kästen aber mit einem Blick. Im Moment in der „Bürger“ Ecke Lloydstraße und Weserstraße Ecke Lindenallee.“
    „Knülle, sie bewachen den Briefkasten an der Lindenallee und ich nehme mir den an der Lloydstraße vor. Irgendwann müssen die beiden ja geleert und abtransportiert werden. Nicht wahr, Knülle“, sagte Marzipan-Randy voller Elan.
    „Jawohl, Chef.“
    Knülle und Niedlich bekamen je einen Postboten zur Seite gestellt, schon allein um nicht versehentlich eine Dienstperson zu verhaften oder einen falschen Briefkasten zu bewachen. Was sehr peinlich gewesen wäre.
    Marzipan-Randy langweilte sich zu Tode und unterhielt sich intensiv – soweit es eben ging – mit dem Postbeamten, der ihn dann aber pünktlich um 15.30 Uhr verließ und Feierabend machte. Bei der Post sollte man sein, dachte der Kommissar und war überrascht, wie viele Briefe in den Postkasten wanderten. Immer wieder kamen Leute heran und warfen ihre Sendungen ein und wunderten sich überhaupt nicht über den neuen Briefkasten, der einem normalen gelben Postkasten täuschend ähnlich sah. Marzipan-Randy stand getarnt nur ungefähr 50 Meter von dem Objekt entfernt und hatte schon vor längerer Zeit sein letztes Leckerli verspeist. Lange konnte er es ohne Marzipan nicht durchhalten. Wer weiß, wann der Verbrecher seinen Kasten leeren würde? In der Nähe war ein bekanntes Süßwarengeschäft und Niedlich konnte sich nicht dagegen wehren… das heißt, er wollte sich nicht dagegen wehren. So verließ er seinen Posten und strebte dem Geschäft mit eiligen Schritten zu. Glücklicherweise hatten sie dort Marzipaneier und riesige Marzipanbrote. Er kaufte reichlich und ging zu seinem Posten zurück. Der Briefkasten war weg! Scheiße, dachte er nur, Scheiße, Scheiße, Scheiße. Gerade ihm musste so etwas passieren. Er schob sich ein Marzipanei in den Mund und machte sich auf den Weg zu Knülle. Vielleicht hatten sie ja dort Glück.
    „Na, Knülle, hier hat sich wohl noch nichts getan“, fragte Niedlich seinen Assistenten listig.
    „Nein, Chef. Und bei ihnen?“
    „Ach, Knülle, ich kam zu spät! Plötzlich war der Kasten weg“, antwortete der Kommissar und schob sich wieder ein Marzipanei in den Mund, „aber ich nehme an, dass hier gleich was passieren wird.“
    „Wie weg“, fragte Knülle vorsichtig.
    „Mensch, Knülle, ich war nur kurz pinkeln“, log Marzipan-Randy, „tja, Berufsrisiko! So habe ich die Verbrecher verpasst.“
    „Ärgerlich“, antwortete Korbinian Knülle und dachte an seine Blase, die ihn auch schon seit einiger Zeit quälte, „darf ich denn auch eben?“
    „Was?“
    „Pinkeln!“
    „Na, gehen sie schon“, sagte Marzipan-Randy gönnerhaft, „aber beeilen sie sich. Wie gesagt, vielleicht gibt’s hier gleich Äkschn.“
    „Jawohl“, sagte Knülle schnell und rannte schon los.
    Und kaum war sein Assistent verschwunden, hielt hinter dem verdächtigen Objekt ein Klein-Lkw, der mit mobilen Toilettenhäuschen beladen war.
    „Eine perfekte Tarnung“, brummte Marzipan-Randy anerkennend.
    Ein untersetzter, glatzköpfiger Mann stieg aus und sah sich nach allen Seiten um. Er wartete ungeduldig, bis eine alte Dame ihren Brief eingeworfen hatte und ergriff dann eilig den Postkasten und legte ihn, der ziemlich schwer schien, zu den Toilettenhäuschen auf die Ladefläche und fuhr schnell davon. Niedlich hatte sich in der Zwischenzeit das Kennzeichen notiert, war in seinen Dienstwagen gestiegen und nahm routiniert die Verfolgung ohne Knülle auf. Die Ampelschaltung in der Stadt half dem Kommissar, sodass er das verdächtige Fahrzeug immer im Auge behielt. Dann verließ der Klein-Lkw die Stadt. Nach gut einer halben Stunde Fahrt erreichte der Verdächtige ein einsames Gehöft. Der Hof schien etwas heruntergekommen zu sein. Marzipan-Randy hatte den Posträuber vorsichtig und mit großem Abstand verfolgt und blieb nun hinter großen Eichbäumen stehen und beobachtete von dort den Verbrecher, der seinen Klein-Lkw in eine alte, abbruchreife Scheune fuhr. Niedlich schlich nun langsam zur Scheune und blickte durch eine Fensteröffnung hinein. Der Verdächtige hatte inzwischen die beiden Briefbehälter abgeladen und öffnete sie. Hunderte Briefe kamen ihm entgegen. Mit geschickten Händen sortierte der schon ältere Mann die Post. Es gab große und kleine Briefsendungen. Sogar kleine Päckchen hatten sich in den Postkästen befunden. Der Mann befummelte jede einzelne Sendung und verteilte sie auf verschiedene Haufen. Der Kommissar, der leicht gebückt am Fenster stand und dem daher sein Rücken etwas wehtat, schob sich nun befriedigt ein Stück eines mächtigen Marzipanbrotes in den Mund und informierte Knülle per Handy von der Entwicklung des Falles. Denn der Fall war praktisch gelöst. Marzipan-Randy wartete nun nur noch auf seinen Assistenten und eine Streifenwagenbesatzung, damit der Mann verhaftet werden konnte. Niedlich war kein Freund von Alleingängen mehr, seit er vor einigen Jahren bei der Verhaftung eines Verdächtigen einen ganzen Beutel Marzipankartoffeln in der Weser verlor und er fast einen ganzen Tag lang keinen Nachschub bekommen konnte. Seitdem ließ er die Äkschn von seinem Assistenten und den normalen Streifenpolizisten erledigen. Warum etwas riskieren?
    Der Posträuber hatte inzwischen einige Briefe vorsichtig geöffnet und darin auch einiges an Geld gefunden. Es schienen mehrere hundert Euro zu sein. So ein leichtsinniges Volk! Nun setzte der Verdächtige Wasser auf. Er will einen Kaffee trinken, dachte Marzipan-Randy, hätte ich jetzt auch gerne. Aber weit gefehlt. Der Mann brauchte nur den Dampf, denn er begann die Briefmarken von den Briefen zu lösen. Mein Gott, geht es ihm so schlecht, dachte Niedlich kopfschüttelnd. Sind ihm die Portokosten zu hoch? Das vorsichtige Ablösen der Marken ging dem Täter gut von der Hand. Er schien es schon oft getan zu haben.
    Der Peterwagen und auch Knülle kamen nun ohne Blaulicht angefahren. Warum den Verdächtigen mit großem Tatü-Tata vorwarnen? Marzipan-Randy begrüßte die Männer kurz und betrat leise, aber entschlussfreudig die Scheune. Routiniert und vorschriftsmäßig lief die Verhaftung des Mannes ab, der sich widerstandslos festnehmen ließ. Bei der Feststellung der Personalien gab es für den Kommissar eine kleine Überraschung, denn der Mann hieß Bernhard Dimitri Dösbaddel. Was für ein Name! Und dass als Kleinunternehmer, der sich seinen kargen Lebensunterhalt mit dem Verleihen von Toilettenhäuschen verdienen musste. Und nun war dieser Dösbaddel straffällig geworden. Bis auf die Postsendungen kam bei der anschließenden Hausdurchsuchung kein weiteres Diebesgut ans Tageslicht, aber als Marzipan-Randy und Knülle im Wohnzimmer des Posträubers standen, bekamen sie ihre Münder nicht mehr zu.
    „Da brat mir doch einer einen Storch“, entfuhr es Niedlich.
    „Wahnsinn“, kommentierte Knülle nur sprachlos.
    Unfassbar! Dösbaddel war dabei gewesen sein Wohnzimmer mit Briefmarken zu tapezieren! Eine Zimmerwand war bereits vollkommen mit Briefmarken beklebt und mit der zweiten Wand hatte er gerade begonnen. Eine Tapete aus Millionen von Briefmarken! Faszinierend. Unglaublich. Und was für eine aufwendige Arbeit!
    Bei der Vernehmung gab er zu, dass er mal etwas anderes an den Wänden haben wollte. Eben ein richtiger Tapetenwechsel! Und die dafür erforderlichen Briefmarken waren in der normalen Anschaffung einfach zu teuer. So wurde er zum Kriminellen. Tja, nun gab es für ihn tatsächlich einen Tapetenwechsel, aber einen sehr rigorosen! Das Gefängnis. Die Tapeten dort und das gesamte Ambiente würden ihm sicherlich nicht besonders gut gefallen. Da war sich Marzipan-Randy sicher.
    Aber der Fall war nun glücklich abgeschlossen und Korbinian Knülle und Niedlich, der sich mit einem Stückchen vom Marzipanbrot belohnte, fuhren entspannt in ihr Büro zurück.

  5. Marzipan-Randy ist eine „alte“ Figur und hat mit Brandy nichts zu tun.
    Die „falschen“ Silbentrennungen möge man mir bitte verzeihen. Schiet.

    geändert, gez. Non-Marzipan-Brandy

  6. Marzipan-Randy und das Suppenhuhn

    Es schien nur eine Art Nachbarschaftsstreit zu sein, zu dem Niedlich und Knülle in eine Siedlung gerufen wurden. Eine gewisse Grete Maslowski hatte die Polizei verständigt.
    Sie empfing Randolph O. Niedlich und Korbinian Knülle sogleich mit den Worten: „Mein Suppenhuhn wurde gestohlen! Ein ganz heimtückischer Diebstahl, den meine Nachbarin begangen hat!“
    „Sie haben uns nur wegen eines Suppenhuhnes alarmiert“, fragte Marzipan-Randy unwillig und schob sich ein Marzipanei in den Mund.
    „Nur?“, beschwerte Grete sich, „davon kann ich mindestens 3 Tage leben! Ein fieser, gemeiner, niederträchtiger Mundraub ist das!“
    „Ja, ja, ist ja gut“, beschwichtigte Niedlich sie und warf, um seine Nerven zu beruhigen, gleich noch ein weiteres Marzipanei hinterher.
    „Und sie wissen also, wer es getan hat“, fragte Knülle geflissentlich.
    „Natürlich!“, ereiferte Grete, die fast 80-jährige und ziemlich umfangreiche Witwe sich, „meine Nachbarin.“
    „Und wie heißt ihre Nachbarin“, fragte Marzipan-Randy müde.
    „Gretchen Speckmacher.“
    „Noch eine Grete“, murmelte der Kommissar.
    „Gretchen! Ich bin Grete! Ein großer Unterschied“, ereiferte sich Frau Maslowski wieder.
    „Ist ja gut“, versuchte Niedlich sie wieder zu beruhigen, „warum setzen sie sich nicht?“, fragte er sie.
    „Ich wurde schändlich bestohlen und soll mich setzen? Niemals“, schrie Grete erregt.
    „Bitte seien sie vernünftig, Frau Maslowski. Wir machen doch nur unsere Arbeit“, versuchte es Knülle diplomatisch.
    „Wenn es nicht anders geht“, zischte sie und ließ sich in ihr Sofa fallen, welches unter der immensen Last mächtig ächzte.
    „Knülle, klingeln sie mal bei Frau Grete Speckmacher“, sagte Marzipan-Randy müde.
    „Gretchen!“, schrie Frau Maslowski erregt.
    „Entschuldigung. Frau Gretchen Speckmacher natürlich. Also Knülle, los.“
    Korbinian Knülle tat wie ihm geheißen und eine ebenso vollschlanke Dame mittleren Alters öffnete die Tür und schaute Knülle fragend an: „Bitte?“
    „Polizei. Mein Name ist Knülle. Frau Speckmacher? Sie werden beschuldigt ihrer Nachbarin Frau Maslowski ein Suppenhuhn gestohlen zu haben“, sagte Niedlichs Assistent mit fester Stimme.
    „Ich? Niemals“, antwortete Gretchen Speckmacher gespielt empört und zog Knülle in ihre blitzblanke Küche.
    „Schauen sie sich um, sieht es hier so aus, als hätte ich es nötig, der alten Maslowski ein lächerliches Suppenhuhn zu stehlen?“
    „Darum geht es nicht, Frau Speckmacher. Haben sie es getan oder nicht“, fragte Knülle.
    „Oder nicht“, flötete sie und zog sich dabei ihre Schürze zu Recht.
    Dann lächelte sie Korbinian Knülle freundlich an und flüsterte ihm zu: „Die Alte ist verrückt, wissen sie!“
    Knülle blies sogleich zum Rückzug und kehrte in die Wohnung Frau Maslowskis zurück.
    So kamen Niedlich und Knülle nicht weiter. Marzipan-Randy schickte seinen Assistenten nun zu den anderen Nachbarn der beiden Frauen um sie zu dem Fall zu befragen. Es musste doch irgendetwas herauszukriegen sein. Und Knülle hatte Glück.
    „Ein Tipp, Herr Kriminalrat“, sagte eine verkniffene auch nicht mehr ganz junge Frau, die direkt über der Verdächtigen wohnte, „die Speckmachersche hat einen zusätzlichen Gefrierschrank. Er steht in ihrer Abstellkammer. Schauen sie da mal hinein! Aber bitte, erwähnen sie nicht meinen Namen! Sie ist zu allem fähig.“
    Schon standen Randolph O. Niedlich und Korbinian Knülle wieder in der Wohnung von Gretchen Speckmacher.
    „Wir würden gerne ihre Abstellkammer besichtigen“, sagte Marzipan-Randy bestimmt und warf sich wieder ein Marzipanei ein.
    „Jetzt?“
    „Bitte.“
    „Warum“, fragte Gretchen plötzlich voller Angst.
    „Wir haben einen Verdacht.“
    Sie fing zu schluchzen an und war sofort in Tränen aufgelöst, führte die Vertreter der Polizei aber zur Abstellkammer in der sich nur ein immens großer Gefrierschrank befand. Marzipan-Randy öffnete ihn und erschrak.
    Dicht an dicht hingen dort hunderte von Suppenhühnern – wie Dekorationsstücke feinsäuberlich aufgereiht. Es wirkte fast wie ein Altar.
    „Ich liebe und sammle Suppenhühner und als ich bei meiner Nachbarin dieses ungewöhnliche Huhn sah, konnte ich nicht widerstehen und nahm es mit.“
    „Warum ungewöhnlich“, fragte Knülle verständnislos.
    Sie zeigte schluchzend auf Frau Maslowskis Suppenhuhn und antwortete mit brüchiger Stimme: „Schauen sie doch nur, wie das Huhn noch im Todeskampf keck seinen linken Flügel abgespreizt hat! Einfach süß! Wunderbar. So etwas habe ich vorher noch nie gesehen.“
    „Ach“, meinte Niedlich nur.
    „Ja, sehen sie es denn nicht? Es ist so einzigartig“, fuhr sie fort, „ich musste es einfach besitzen. Schauen sie einmal, jedes Huhn ist verschieden“, und sie deutete von einem zum anderen Huhn und referierte ausführlich darüber.
    „Ich könnte den ganzen Tag vor meiner Suppenhuhn-Sammlung stehen und sie bewundern. Was für herrliche Tiere…“, sagte Frau Speckmacher weiter.
    „Aber sie haben ihre Nachbarin bestohlen“, unterbrach Marzipan-Randy Gretchen und warf sich wieder ein Marzipanei in den Mund.
    „Ich kauf ihr ein neues. Oder auch zwei“, sagte sie bedauernd.
    Frau Maslowski verzichtete schließlich auf eine Anzeige und bekam sogar 3 Suppenhühner aus Gretchen Speckmachers Fundus.
    So war der Fall für Marzipan-Randy und Knülle überraschend schnell und sauber erledigt; aber als es in der Kantine Hühnerfrikassee gab, verzichteten beide und wandten sich lieber freudvoll Currywurst und Pommes zu.

  7. Marzipan-Randy und der Schlüpfer

    Marzipan-Randy war gerade unterwegs zu einem Süßwarengeschäft um seinen Marzipan-Vorrat aufzufrischen, als ihn der Einsatzanruf erreichte. Kommissar Randolph Orson Niedlich und sein Assistent Korbinian Knülle wurden zur „Agentur Fiete“ in den Überseehafen gerufen, wo sie sogleich das Problem erkannten, denn mehr als 20 junge Frauen hatten sich zusammengerottet und demonstrierten – teilweise mit Schirmen bewaffnet – vor dem Betriebsgebäude. Die beiden Polizisten mussten sich regelrecht durchkämpfen und wurden vom Firmenchef, dem stadtbekannten Schiffsmakler Hubertus „Fiete“ Schmitz-Stumpfheim eingelassen, der hinter ihnen flugs wieder die Eingangstür verbarrikadierte.
    Hubertus Schmitz-Stumpfheim stammte aus Österreich und hatte es am Anfang seiner beruflichen Laufbahn an der Nordseeküste nicht immer leicht gehabt, da sein Akzent schon sehr ausgeprägt war. Glücklicherweise war er trinkfest und konnte so mit der Zeit die Herzen der Norddeutschen gewinnen. Da diesen aber sein Name missfiel – wer hieß schon Hubertus an der Küste? – und Schmitz-Stumpfheim – kaum aussprechbar – nahm er den Namen Fiete an und war seit damals überall nur als „der Fiete“ bekannt. Zuerst hatte er sein Handwerk – er liebte die See und den Wind an der Küste – im alteingesessenen Büro von Theo-Jan Schnäppchenberger erlernt und sich dann bald selbstständig gemacht. Unter seinen Angestellten befand sich der Schreiber Manfred Feist, der eine schöne, gestochene Handschrift besaß, die an der ganzen deutschen Nordseeküste Ihresgleichen suchte. Während Fiete selbst und der eingewanderte Exilungar Todd Minibrand sich Vorort um die Schiffe, die Besatzung und die Ladung kümmerten, so saß Manfred Feist, der damals ungefähr 25 Jahre alt und ein ausgesprochener Frauentyp war, als Schreiber den ganzen, lieben, langen Tag im Büro, führte Listen und stellte Frachtpapiere aus. Schmitz-Stumpfheims Sekretärin, die schon ältliche Meta Vogelgesang, sprach kaum einmal mit ihm, schaute ihn aber immer wieder an. Sie sparte ihre Worte lieber für ihren Chef auf, der dann den pausenlosen Ausführungen und Beschwerden Metas mit zusammengekniffenen Augen zuhören musste, da ihre Aussprache extrem feucht war und er als Monokelträger deshalb oftmals den Durchblick verlor. Dabei klang ihre Stimme sehr scharf und rostig, was so gar nicht zu ihrem Familiennamen passen wollte.
    „Ich soll Manfred Feist herausgeben, fordern die jungen Damen draußen“, erregte sich Fiete, während Feist, der von seinen Freunden natürlich Manni genannt wurde, ganz ruhig wirkte und sich über die Aufregung eher zu amüsieren schien.
    „Weshalb“, fragte Marzipan-Randy ruhig.
    „Sie sagen, er hat etwas, was ihnen gehört.“
    „Also Diebstahl, Knülle“, brummte Niedlich seinen Assistenten an, der am Fenster stehend die demonstrierenden Damen nicht aus den Augen ließ – auch weil das Gros der Frauen ausgesprochen hübsch war, „wahrscheinlich sogar schwerer Diebstahl!“
    „Herr Feist, was haben sie den jungen Damen gestohlen“, fragte der Kommissar schließlich.
    „Ich? Nichts“, antwortete der Verdächtige zögernd und setzte ein leichtes Grinsen auf.
    „Warum sagen sie nicht die Wahrheit“, schnauzte ihn Korbinian Knülle vom Fenster aus an.
    „Es geht nur um Andenken…“, begann Manfred Feist vorsichtig.
    „Andenken? Was für Andenken? Jetzt reden sie, Mann, bevor es draußen eskaliert“, wies ihn Marzipan-Randy zurecht und schob sich ein leckeres Marzipanei in den Mund.
    „Es ist nur wegen Trude…“
    „Trude?“
    „Trude Matschmeier…“
    „Weiter, Mann! Erzählen sie schon“, drängte ihn der Kommissar.
    „Ist es die Blonde im roten Minirock“, unterbrach Knülle die Vernehmung.
    „Vorher wissen sie“, fragte Manni überrascht.
    „Diese schaut am bösesten“, antwortete Korbinian Knülle, der von seiner Beobachtungsgabe selbst ganz hingerissen war.
    „Mann, reden sie endlich“, brummte Marzipan-Randy den Schreiber genervt an.
    „Trude hat mich erwischt, als ich…“, begann er zuerst stockend und dann mit leuchtenden Augen zu erzählen.
    Manni hatte eine große Leidenschaft. Er sammelte die Slips seiner verflossenen Freundinnen, deren es eine Vielzahl in der Stadt gab. So durchstreifte er des Öfteren die Stadt, um die Wäscheleinen oder Wäschespinnen seiner ehemaligen Lebensabschnittspartnerinnen auszuspionieren. Und wenn sich die Gelegenheit ergab, griff er zu und hatte wieder eine Trophäe mehr in seiner Schlüpfer-Sammlung. Seinen männlichen Freunden präsentierte er gerne die Slips seiner Ex-Freundinnen, die doch von sehr unterschiedlicher Couleur waren.
    „Sie sind ja ein ganz schlimmer Finger“, wunderte sich Schmitz-Stumpfheim und konnte ein Grinsen kaum unterdrücken.
    Während der Kommissar den Kopf schüttelte, lächelte sein Assistent, der Feist nur allzu gut verstehen konnte. Draußen standen die wohl schönsten Mädchen der Stadt. Was hatte Feist für ein Glück. Ein unverschämtes Glück.
    „Sind sie bereit die Slips den Damen zurückzugeben“, fragte Marzipan-Randy Feist.
    „Wenn ich muss“, schluckte der Schreiber.
    „Es ist und bleibt Diebstahl, Herr Feist.“
    „Wo sind die Höschen“, fragte der Kommissar.
    Manfred Feist zeigte auf einen Spind an der gegenüberliegenden Wand.
    „Hier in meinem Büro“, ereiferte sich Fiete.
    „Ja“, antwortete sein Schreiber kleinlaut, „es schien mir so am sichersten.“
    Marzipan-Randy wandte sich nun an Korbinian Knülle.
    „Knülle, gehen sie hinaus und führen sie eine Dame nach der anderen hier herein. Aber seien sie vorsichtig!“
    Korbinian strahlte.
    „Gerne.“
    „Und Feist, sie öffnen ihren Trophäenschrank und werden den Damen ihre Schlüpfer wieder aushändigen… Verstanden?“, schnauzte Marzipan-Randy Fietes Angestellten an.
    Manni öffnete andachtsvoll den Spind und der Anblick der ausgestellten Unterwäsche nahm dem Kommissar den Atem. Zur Beruhigung warf er sich schwungvoll gleich 2 Marzipaneier in den Mund.
    Knülle kam strahlend wieder herein und führte eine junge, hübsche Frau in den Büroraum.
    „Hallo, Nadine“, begrüßte Manfred Feist sie sogleich und lächelte.
    Nadine war angesichts der beiden Polizisten noch etwas unsicher und sagte nur: „Hallo, Manni.“
    „Also, Fräulein Nadine, `tschuldigung, Frau Nadine. Erkennen sie ihre Unterwäsche wieder?“, und Niedlich zeigte zum Spind.
    „Manni, du bist ein ganz Schlimmer“, sagte sie und blickte ihren Ex ernst an, „aber du kannst meine behalten, wenn du möchtest“, und nun lächelte auch sie.
    „Aber erzähl Trude nichts davon. Hörst du“, fuhr sie fort, „sie hat uns regelrecht aufgehetzt.“
    Und Manni nickte erleichtert.
    „Wollen sie etwa keine Strafanzeige gegen Herrn Feist erstatten“, fragte der Kommissar.
    „Möchte ich nicht“, flüsterte Nadine fast und gab Manni zum Abschied einen Kuss.
    Als Knülle mit der zweiten jungen Frau hereinkam und sie nur: „Ach, Manni, Süßer. Du kannst sie behalten, wenn du magst“, hauchte, verstand Marzipan-Randy die Welt nicht mehr und warf voller Nervosität und Frust gleich 3 Marzipaneier in seinen Mund.
    Im Laufe der nächsten Stunde griff Niedlich immer wieder zu seinen Leckereien, bis die Tüte leer war. Seine Nerven brauchten Marzipan und nun hatte er nichts mehr. Eine Katastrophe!
    „Knülle, übernehmen sie. Ich muss mal kurz zum Auto…“
    Knülle strahlte. Kommissar Niedlich fand im Auto glücklicherweise noch ein ganzes Marzipanbrot und brach sich sofort ein großes Stück davon ab und ging – vorbei an den beiden letzten jungen Damen, die noch ausharrten – zurück.
    Er bekam gerade noch mit, wie die ältliche Sekretärin Meta Vogelgesang vor Knülle stand und diesen fragte: „Lieber Herr Knülle, was meinen sie, würde mir so etwas auch stehen?“, während sie zu der Unterwäsche im Spind zeigte.
    Korbinian Knülle blickte hilfesuchend seinen Chef an, der so tat, als hätte er nichts mitbekommen.
    „Bestimmt“, antwortete Knülle schließlich mit fester Stimme, obwohl er natürlich ganz anderer Meinung war.
    „Ich habe so gar keine Erfahrung mit Unterwäsche“, begann Meta mit schmeichlerischer Stimme, die sonst überhaupt nicht zu ihr passte, „würden sie mir helfen?“
    Nun griff Marzipan-Randy doch ein und schnauzte seinen Assistenten an: „Knülle, was ist nun? Können wir weitermachen?“
    „Ja, Chef“, antwortete Korbinian dankbar und ging hinaus, während Frau Vogelgesang mit saurem Gesichtsausdruck den Kommissar verächtlich musterte.
    Auch die vorletzte Dame verzichtete auf ihren Slip und eine Strafanzeige, lächelte dafür aber Manni Feist schmachtend an.
    „Nun fehlt nur noch Trude“, sagte Knülle erleichtert, während sich Niedlich ein großes Stück vom Marzipanbrot gönnte, denn jetzt konnte es heikel werden.
    Auch Feist wurde nun nervös, holte einen bestimmten Slip aus seinem Trophäenspind und schloss diesen ab.
    „Trude muss ja nicht sehen, was ich hier noch so alles drin habe“, entschuldigte er sich.
    Als Knülle mit Trude Matschmeier hereinkam, sah sie immer noch wütend, aber auch besonders hübsch aus.
    „Hallo Trude“, rief Manfred ihr gespielt locker zu.
    „Du Schuft, du elender Schuft…“, schimpfte sie.
    Doch Niedlich griff ein: „Frau Matschmeier, Herr Feist ist bereit, ihnen ihren Slip wieder auszuhändigen…“ und Marzipan-Randy schob sich noch schnell ein Stückchen vom Marzipanbrot in den Mund.
    „Da ist er“, unterbrach Feist den Kommissar und reichte ihn ihr.
    „Das ist nicht mein Slip“, sagte sie gleich und zeigte den Anwesenden das gute Stück, „die Größe stimmt absolut nicht.“
    „Es muss deiner sein…“
    „Niemals“, schrie sie aufgebracht, „schauen sie doch, Herr Kommissar…“, und sie hielt den Slip an ihren Po.
    „Niedlich“, vervollständigte er und betrachtete den sehr schön geformten Po Trudes.
    „Mein Po?“
    „Auch… natürlich… Verzeihen sie. Niedlich ist mein Name.“
    „Niedlich wie niedlich“, fragte Trude mit einem strahlenden Lächeln, dass Marzipan-Randy ganz anders wurde.
    „Ja“, antwortete er mit belegter Stimme.
    Trude gurrte und umkreiste den Kommissar, als wäre er ein potentielles Opfer.
    Manni Feist wurde eifersüchtig und rief: „Du, Trude…“
    Aber sie reagierte nicht, sondern strahlte weiter Marzipan-Randy an, dem es langsam zu heiß wurde. Vor Nervosität suchte er verzweifelt in seinen Taschen nach Marzipan, aber er hatte nichts mehr.
    Er räusperte sich kurz und brummte nur verlegen: „Der Slip ist tatsächlich viel zu groß.“
    „Knülle“, rief er nun und versuchte dabei den Blicken Trudes zu entgehen, „Knülle…“, aber dieser erwehrte sich gerade selbst tapfer der Attacken von Meta Vogelgesang und flüsterte stattdessen ängstlich und hilfesuchend nur: „Chef…“
    Korbinian Knülle tat ihm leid und er brummte nur: „Oh, Mann.“
    Plötzlich erhob Meta ihre rostige Stimme und rief: „Er gehört mir!“
    „Knülle“, fragte Niedlich entsetzt.
    „Nein, der Schlüpfer“, antwortete die Sekretärin und riss Trude den Slip aus der Hand.
    „Lächerlich“, sagte Manfred Feist und lachte.
    „Frau Vogelgesang“, begann Marzipan-Randy konsterniert, aber weiter kam er nicht, denn Meta hielt das besagte Stück an ihren Allerwertesten und der Schlüpfer schien ihr tatsächlich perfekt zu passen.
    „Aber…“, Manni war sprachlos, wie auch die anderen Anwesenden.
    Meta holte aus einer Schublade ihres Schreibtisches einen Damenslip heraus und überreichte ihn Trude.
    „Dieser Schlüpfer gehört ihnen. Ich habe beide klammheimlich ausgetauscht.“
    Dann drehte sie sich um und stand fast Auge in Auge Feist gegenüber, lächelte – soweit es ihr mit den Dritten möglich war – ihn an und sagte mit säuselnder, aber immer noch rostiger Stimme: „Ich liebe dich.“
    Im Büro wurde es totenstill. Dann hörte man, wie Manfred Feist krampfhaft schluckte; blitzschnell griff er nach seiner Jacke und verließ rennend, wie ein gehetztes Tier das Gebäude.
    „Manni, Liebster, bleib! Ich liebe dich doch. Ich habe dich immer geliebt…“, rief Meta Vogelgesang ihm hinterher, aber er war nicht zu stoppen.
    Dieses Ermittlungsverfahren, was bald darauf offiziell eingestellt wurde, erschütterte Marzipan-Randy auf das Heftigste, denn menschliche Abgründe hatten sich aufgetan.
    „Herr Niedlich, und was machen wir zwei Hübschen jetzt?“, fragte Trude mit einem strahlenden Lächeln und zerriss damit die melancholische Stimmung im Büro.
    Nun schluckte der Kommissar hörbar und brachte nur ein gepresstes: „Wie?“ heraus.
    Doch Knülle reagierte geistesgegenwärtig: „Chef, wir müssen dringend den Bericht schreiben“ und schob Marzipan-Randy nach draußen, wo sie sich sogleich ins Auto setzten und zum Präsidium fuhren.
    „Danke, Knülle“, sagte der Kommissar noch, bevor sie ihr Ziel erreicht hatten, „Trude ist eine sehr gefährliche Frau…“
    Manfred Feist verließ noch am selben Tage die Stadt und ward nie mehr gesehen.

  8. Marzipan-Randy und der Samen

    Kommissar Randolph O. Niedlich, genannt Marzipan-Randy, hing gerade in der Sporthalle der Polizei am Reck, als sein Assistent Korbinian Knülle hektisch angelaufen kam.
    „Chef, kommen sie“, rief er, „schwerer Diebstahl im Containerhafen.“
    Marzipan-Randy blieb gelassen und rief Knülle von oben nur zu: „Jetzt passen sie auf, Knülle. Wie Eberhard Gienger…“
    Bei einem Unterschwung ließ er das Reck los und knallte heftig unten auf.
    „Scheiße“, ärgerte sich Niedlich und stöhnte verstohlen.
    „Chef, ist ihnen was passiert“, fragte Knülle leise und konnte ein Grinsen kaum unterdrücken.
    „Schauen sie nicht so blöd, Mann. Helfen sie mir auf.“
    „Ach, auch das noch… Mein Marzipanbrot ist platt wie ihre Füße, Knülle.“
    „Ja, Chef.“
    „Na, kommen sie, Knülle“, sagte Marzipan-Randy und schob sich die Marzipan-Reste in den Mund, „der Einsatz ruft.“
    15 Minuten später waren die beiden Gesetzeshüter Vorort im Containerhafen. Ein gewisser Herr Buckhardt hatte die Polizei verständigt, doch dort kannte niemand einen Mann dieses Namens.
    „Ah, zu Toni Matroni wollen sie?“, sagte ein älterer Hafenarbeiter, den sie befragt hatten.
    „Nein“, antwortete Niedlich verzweifelt, „Buckhardt.“
    „Ja, ja, sag ich doch. Toni Matroni ist Buckhardt.“
    „Toni Matroni? Verstehen sie das, Knülle?“
    „Nein, Chef.“
    „Will uns da jemand an der Nase herumführen?“
    „Er heißt Buckhardt“, mischte sich der ältere Mann ein, „er wird aber überall nur Toni Matroni genannt.“
    „Warum?“
    „Er liebt füllige Frauen. Matroni – Matrone… Verstehen sie?“
    „Alles klar“, sagte Marzipan-Randy.
    „Er sagt immer: Lieber auf etwas Kräftiges liegen, als einen Besenstiel zwischen den Beinen.“
    „So, so“, brummte Niedlich nur, dessen Magen plötzlich bedenklich knurrte und er fragte, „sagen sie, mein Herr, haben sie hier eine Kantine?“
    „Ja, Herr Kommissar.“
    Nach einer ausgiebigen Pause in der Kantine, die ausgezeichneten Kuchen mit leichter Marzipanfüllung anbot, standen der gesättigte Niedlich und Korbinian Knülle, der sich mit einem Käsebrötchen zufrieden gegeben hatte, vor Toni Matroni alias Wolfhard Buckhardt.
    „Was ist ihnen gestohlen worden?“, fragte Marzipan-Randy entschlossen.
    „Mein Samen!“
    „Was?“
    „Mein Samen!“
    „Ach. Sollen wir jetzt eine Frau verhaften?“, fragte Niedlich mit einem seltenen Anflug von Humor.
    Sogar Knülle lachte.
    „Das ist nicht zum Lachen“, sagte Buckhardt traurig.
    „Wo ist er denn hingekommen“, frotzelte Knülle.
    „Knülle, Ruhe“, herrschte Niedlich seinen Assistenten an.
    „Jawohl, Chef.“
    „Er war hier in meinem Schreibtisch in einem kleinen Glasbehälter.“
    „Wer?“
    „Der Samen. Mein Samen!“
    „Ach.“
    „Ich bin Samenspender… Besseren wird man nirgends finden! Ich bin sozusagen Hochleistungsbesamer, hähähä… und wollte heute Nachmittag nach Bremen zur Samenbank und ein paar Frauen mit meinem Sperma glücklich machen“, sagte Matroni durch und durch bescheiden.
    „Toni Matroni-Samen ist der Beste! Wäre auch als Werbespot geeignet! Finden sie nicht?“, meinte er weiter, „Buckhardt-Sperma klingt nicht so gut, oder? Toni Matroni ist mein Künstlername; und wenn sie sehen würden, wie ich den Behälter mit meinem Samen befülle…“, redete er voller Überschwang weiter.
    „Ja, ja, haben sie einen Verdacht“, fragte Niedlich gnadenlos dazwischenfahrend.
    „Nein. Aber klar, wenn einer meiner Kollegen unbedingt ein Kind haben möchte, was so blendend aussieht wie ich, hochintelligent…“
    „Ja, ja“, unterbrach ihn Marzipan-Randy erneut.
    „… was ich natürlich vollkommen verstehen würde… schließlich ist der Samen absolute Premium-Qualität!“, sagte Buckhardt unbeirrt und voller Begeisterung.
    „Ah, ja.“
    „Viele Frauen haben nur mir ihre Kinder zu verdanken. So an die vierzig dürften es bis jetzt mindestens schon sein“, sagte Buckhardt grinsend.
    „Was ist, sagen wir mal, das gestohlene Gut wert?“
    „Eigentlich ist es mit Geld nicht zu bezahlen, Erbanlage, Premium-Qualität, wie gesagt und so, aber ich bekomme pro Ladung 200 Mark, obwohl ich das Glas immer randvoll mache. Andere Samenspender packen das ja nicht. Aber okay, 200 Mark sind 200 Mark.“
    „Ah, ja.“
    „Vielleicht mach ich das auch mal“, meldete sich Knülle zu Wort.
    „Glauben sie ja nicht, dass es so einfach ist. Sie müssen 4 Tage Enthaltsamkeit üben, bevor sie das Glas vollmachen dürfen. Und diese erzwungene Enthaltsamkeit macht sie vollkommen fertig. Ich weiß, wovon ich spreche. Mir stehen spätestens nach 2 Tagen die Augen voller Tränen. Der 3. Tag ist fürchterlich. Aber der 4. macht dich absolut fertig. Mit zusammengebissenen Zähnen sitze ich dann hier und möchte schreien.“
    Korbinian Knülle überlegte kurz, denn dass mit den 4 Tagen bekam er locker hin, da sein Liebesleben eh auf Sparflamme kochte. Und außerdem war Buckhardt bestimmt nur ein großer Angeber…
    Marzipan-Randy und Knülle nahmen die Ermittlungen auf. Doch sie kamen kaum voran. In der Nähe des Tatortes fanden sie nur Zigarettenasche und einen leeren Joghurt-Becher auf dem Boden. Der Urheber der Asche konnte schnell ausfindig gemacht werden. Es war der Chef Buckhardts. Ein eilfertiger Mann aus dem Fichtelgebirge, der in einem mehrstündigen Gespräch den beiden Polizisten glaubhaft versichern konnte, nichts mit der Sache zu tun zu haben. Die Sache mit dem Joghurt-Becher gestaltete sich schwieriger. Denn bei einer Laboruntersuchung stellte sich heraus, dass in dem Becher keinerlei Rückstände zu finden waren. Also folgerte Kommissar Niedlich, dass dieser unbenutzte Becher eventuell zum Abtransport des Samens angedacht gewesen war. Doch nach weiteren Ermittlungen musste Marzipan-Randy diesen Gedanken wieder fallen lassen. Auch hier half Buckhardts Chef.
    „Der Becher gehört Kollege Udo Eben. Da können sie auch keine Rückstände finden. Wenn Udo etwas bezahlen muss, holt er da auch alles heraus. Sie müssten es mal mit anhören, wenn er in den Bechern kratzt. Unglaublich.“
    „Aha, Herr Eben also“, murmelte Marzipan-Randy.
    Endlich hatte er einen Verdächtigen. Es stellte sich heraus, dass Udo Eben schon 38 Jahre alt und kinderlos war. Die Indizien sprachen eine deutliche Sprache. Eben wurde verhört. Es war nicht einfach für den Kommissar. Die Antworten und der Gesichtsausdruck Ebens zermürbten Marzipan-Randy, der in dieser Zeit seinen Marzipan-Verbrauch gewaltig steigerte. Udo Eben hingegen blieb ruhig und legte – wie leider zu erwarten war – kein Geständnis ab. Es gab auch keine wirklichen, handfesten Beweise gegen ihn.
    Als Marzipan-Randy wieder einmal Toni Matroni in dessen Büro aufsuchte, fiel ihm der ausgemergelte Körper des Mannes auf.
    „Buckhardt, sind sie krank?“
    „Nein, nur kaputt. Ich kann finanziell nicht auf die 200 Mark verzichten und hab somit in den letzten Tagen mehr als üblich gespendet und bin etwas ausgelaugt.“
    „Aha.“
    Niedlich wollte an diesem Tag noch einige Kollegen Buckhardts zu dem Fall befragen und ging zum nächsten Büro. Doch was er hier sah, ließ keine reguläre Befragung zu. Betrunken lagen die Männer zwischen leeren Bierflaschen auf dem Boden oder auf ihren Stühlen.
    „Was ist hier denn los“, fragte Niedlich fast verständnisvoll.
    Nur einer konnte noch annähernd klar sprechen und antwortete: „Wir sind Naturfreunde, hick.“
    „Und?“
    „Wir haben schon 70 Pfennig zusammen! Hick.“
    „70 Pfennig?“
    „Mensch, hast noch nix vom Holsten-Edel-Naturgroschen gehört? Sielmann, häh?“
    „Ach…“
    „Von jedem Kasten Holsten-Edel geht ein Groschen an den Holsten-Edel-Naturschutzfonds. Hick.“
    „Ach.“
    „Wattenmeer, Mensch. 7 Kästen haben wir schon alle gemacht. Hähähä, hick, hick…“
    Niedlich ließ sie gewähren und führte die Befragungen dann am nächsten Tag durch, die aber zu keinen neuen Erkenntnissen führten.

    Marzipan-Randy verzweifelte. Sie kamen einfach nicht voran. Als Niedlich Buckhardt davon unterrichtete, den Fall als unerledigt zu den Akten zu legen, forderte dieser in 9 Monaten eine polizeiliche Gesichtskontrolle aller Neugeborenen durchzuführen.
    „Meine Anlagen… mein unnachahmlicher, adonisgleicher Charakterkopf müsste spielendleicht bei den Babys in den Entbindungsstationen ausfindig gemacht werden können“, sagte er voller Bescheidenheit.
    Doch Marzipan-Randy ließ sich nicht darauf ein und schloss den Fall bedauernd als ungeklärt.
    9 Monate nach dem Verschwinden des Samens wurde Toni Matroni hyperaktiv. Aufgeben war nicht sein Ding. Er lief nun mindestens 3 Stunden täglich ruhelos durch die Stadt. Irgendwo musste doch sein Ebenbild in einem Kinderwagen liegen! Und dann sollten die sogenannten Eltern aber die 200 Mark löhnen! Da kannte er kein Erbarmen!

  9. Marzipan-Randy und der Abfluss

    Marzipan-Randy hielt sich gerade in der Sporthalle fit und hing am Reck, als Knülle ihn von unten anrief: „Chef, ein neuer Fall.“
    „Knülle, ich komme. Verlassen sie augenblicklich die Sprungmatte, sonst springe ich sie an“, sagte Randolph O. Niedlich gerade noch rechtzeitig.
    Mit einem schnellen Seitenschritt brachte Korbinian Knülle sich in Sicherheit.
    30 Minuten später standen sie einer gewissen Erika Maibier, einer nicht unhübschen Mittdreißigerin gegenüber, die sich völlig aufgelöst Knülle an die Brust warf, aber als sie erfuhr, dass Niedlich sein Chef war, schnell die Brust wechselte und herzzerreißend weinte.
    „Beruhigen sie sich doch, gnä‘ Frau“, versuchte es der Kommissar, aber sie ließ ihren Tränen freien Lauf und nötigte stattdessen die beiden Männer sich auf ihr mit zahlreichen bunten Kissen bestücktes Sofa zu setzen.
    „Ich bin seit gestern Mittag von der Kanalisation abgeschnitten“, sagte sie schließlich schluchzend.
    „Und dann rufen sie die Polizei“, wunderte sich Marzipan-Randy.
    Aber geschäftsmäßig fuhr er fort: „Und wer ist ihrer Meinung nach dafür verantwortlich.“
    „Ein versehentlich hinuntergespülter alter Strumpf oder zu viel Papier“, warf Knülle grinsend ein.
    „Knülle, ruhig“, fuhr Niedlich seinen Assistenten an, der sich daraufhin beleidigt abwandte.
    „Meine Schwester Karla, diese Hexe. Sie wohnt auch hier im gleichen Haus“, sagte Erika Maibier und verzog dabei ihr nicht unhübsches Gesicht, „sie war immer sehr neidisch auf mich.“
    „Schauen sie mal“, flüsterte sie schwach, stand auf und ging in ihre Küche.
    Dann drehte sie den Wasserhahn über der Spüle auf.
    Und tatsächlich floss das Wasser nicht ab.
    „Ah, ja“, brummte Knülle nur.
    „Wie soll ihre Schwester es bewerkstelligt haben? Und haben sie Beweise“, fragte Niedlich nachdenklich und gönnte sich ein Stückchen Marzipan.
    „Ich war ihr schon immer ein Dorn im Auge“, antwortete Erika, „und gestern hat sie mich mal wieder besucht und mir eine Szene gemacht…“
    „Worum ging es?“
    „Ach, mal wieder um ihren Ex-Freund, den ich ihr angeblich weggeschnappt habe. Was so nicht stimmt, denn was kann ich dafür, dass die Männer immer mich bevorzugt haben… Außerdem ist es schon so lange her und ich kann mich kaum noch an seinen Namen erinnern“, und sie lächelte Marzipan-Randy gewinnend an.
    Korbinian Knülle fühlte eine leichte Eifersucht auf seinen Chef in sich aufsteigen und fragte: „Und wie soll sie ihren Abfluss verstopft haben?“
    „Ich habe sie einmal alleingelassen, als ich mit dem Postboten ein wenig geschäkert habe… Na ja, er ist nett und immer sehr zuvorkommend“, entschuldigte sie sich und schaute dabei nur Marzipan-Randy an, der sich nervös eine Marzipankartoffel in den Mund warf.
    „Aha, und da hat sie – meinen sie – etwas in den Abfluss ihrer Spüle geworfen“, fragte Knülle Erika Maibier, nun noch eifersüchtiger.
    „So muss es sein“, beantwortete sie die Frage und lächelte Niedlich an, dabei würdigte sie Korbinian Knülle keines Blickes.
    „Frau Maibier“, begann der Kommissar.
    „Nennen sie mich Erika“, sagte sie schnell und lächelte wieder.
    Marzipan-Randy räusperte sich und begann von neuem: „Erika, wir gehen der Sache natürlich auf den Grund. Strafrechtlich wird gegen ihre Schwester kaum etwas zu machen sein, aber… Knülle, legen sie sich unter die Spüle und öffnen das Abflussrohr…“
    „Wie?“
    „Los. Augenblicklich, Knülle!“
    „Ich liebe entschlussfreudige Männer“, säuselte Erika und strahlte Marzipan-Randy gewinnend an.
    Korbinian Knülle murrte, aber als er in das Gesicht seines Chefs blickte, wusste er, dass er aus der Sache nicht herauskam. Also zog er sich seinen Mantel aus, den er zusammengerollt als Kopfstütze nutzen wollte, ließ sich von Erika Maibier eine Zange und einen Plastikeimer geben und legte sich unter die Spüle und begann an dem Abflussrohr zu arbeiten. Ehe er sich versah, schoss plötzlich das gestaute Wasser aus dem abgedrehten Rohr mitten in sein Gesicht. Er schimpfte und hatte nicht nur nasse Petersilienstückchen in den Augenbrauen, sondern auch ein dickes Freundschaftsband auf der Nase liegen.
    „Bäh“, sagte Knülle und zeigte es Frau Maibier und Niedlich.
    „Karla, dieses Aas“, schimpfte Erika und begann wieder zu weinen.
    „Erika, beruhigen sie sich doch“, versuchte Marzipan-Randy sie zu trösten und schon lag sie in seinen Armen und heulte nun noch schlimmer.
    Knülle wischte sich über das Gesicht und schraubte den Abfluss wieder zusammen und wollte gerade aufstehen, als der Kommissar ihn bedeutete auch die Wasserlachen zu entfernen. Zuerst die Klempnerarbeiten und nun auch noch den Dreck wegmachen? Knülle fühlte sich diskriminiert, fügte sich aber murrend. Als Korbinian diese Arbeit erledigt hatte, stand er auf und reinigte sich nun selbst. Sein Trenchcoat sah schlimm aus.
    „Das Freundschaftsband gehörte ihm…“, flüsterte Erika Marzipan-Randy zu.
    „Ihm?“
    „Karlas Ex-Freund.“
    „Und?“
    „Er hatte es mir geschenkt – während unserer gemeinsamen Zeit. Und…“ schon wand sie sich aus Niedlichs Armen, strebte ihrem Wohnzimmerschrank zu und holte eine kleine Kassette daraus hervor.
    Knülle und der Kommissar waren ihr gefolgt und sahen in Erika Maibiers verheultes Gesicht.
    Sie atmete tief ein und sagte erleichtert: „Es war hier drinnen. Karla hat nur das Freundschaftsband entwendet. Alles andere ist noch da… Bitte verhaften sie sie!“, flehte sie die beiden Polizisten an.
    „Erika, sie haben dank meines Kollegen Knülle das Band doch wieder. Auch wenn ihre Schwester es mitgenommen hätte, es wäre nur eine Bagatelle, die man strafrechtlich nicht verfolgt.“
    „Und Eifersucht ist nicht strafbar“, fügte Korbinian Knülle verzagt an und Marzipan-Randy nickte zustimmend.
    „Es ist eine Haarlocke von ihm eingearbeitet“, sagte sie plötzlich verträumt mit einem strahlenden Lächeln, „Herbert hatte so schönes, blondes Haar… und nun“, sie schluchzte, „hat er keines mehr. Schrecklich, wo er doch Friseur ist.“
    „Also haben sie ihn – Herbert – vor kurzem gesehen. Warum haben sie gelogen?“
    „Ja. Er war vorgestern bei mir. Und nicht bei Karla. Sie machte mir eine Szene, als sie es erfahren hat…“
    „Nackte Eifersucht“, meinte Korbinian Knülle kopfschüttelnd.
    „Immer musste sie zurückstecken – auch bei Herbert, aber jetzt… so ganz ohne Haar… sie hätte ihn haben können, aber er wollte mich! Können sie es verstehen?“ und sie blickte Niedlich offen an.
    Korbinian Knülle nickte verstohlen, während der Kommissar lieber ein Stückchen Marzipan einwarf, als ihr zu antworten.
    „Ich hatte einfach ein schlechtes Gewissen…“, entschuldigte sie sich nach einer peinlichen Pause, in der sie eigentlich ein mehr als nettes Wort von Niedlich erwartet hatte.
    „Waschen sie das Freundschaftsband gründlich und sprechen sie sich doch bitte mit ihrer Schwester einmal richtig aus“, sagte Marzipan-Randy rein geschäftsmäßig.
    Erika Maibier nickte traurig.
    „Knülle, kommen sie. Der Fall ist erledigt“, wandte sich Randolph O. Niedlich nun an seinen Assistenten, dessen Trenchcoat immer noch feucht war.
    „Besuchen sie mich mal wieder“, rief Erika den Männern nach, als sie sich schon im Treppenhaus befanden.
    „Sicher“, brummte Marzipan-Randy.
    Vor dem Mehrfamilienhaus stehend, schaute der Kommissar seinen Assistenten an und sagte großzügig: „Knülle, sie können Erika gerne besuchen. Ich lasse ihnen den Vortritt.“
    „Danke“, konnte Korbinian Knülle nur antworten, der von der ungeahnten Großmut seines Vorgesetzten ganz überwältigt war.
    „Und ich gönne mir jetzt ein herrliches Marzipanbrot…“, meinte Niedlich noch und lachte, „andere brauchen die Zigarette danach und ich eben etwas Süßes.“

  10. Marzipan-Randy und der
    Amerikaner

    Neben Marzipan in jedweder Form liebte Niedlich den Amerikaner. Nein, nicht den Amerikaner von den Vereinigten Staaten von Amerika, sondern das Gebäck. Dieses wunderbare Gebäck! Marzipan-Randy war ständig auf der Suche nach seinen Amerikanern, denn viele Bäcker boten sie nicht mehr an. Warum? Niedlich konnte es nicht verstehen, denn dieses Gebäck schmeckte doch viel besser als zum Beispiel so ein widerlicher Donut, die nun überall zum Verzehr angeboten wurden.
    „Der Amerikaner stirbt aus!“
    Marzipan-Randy hatte Angst, irgendwann überhaupt keinen mehr finden zu können. Aber ab und zu nahm ein Bäcker wieder Amerikaner in sein Angebot auf und Niedlich kaufte auf Vorrat. Spätestens nach 4 Wochen gab es sie dann aber nicht mehr.
    „Zu wenig verkauft“, lautete dann die Antwort, wenn Marzipan-Randy mit ängstlichem Blick die gewünschten Amerikaner in der Auslage des Geschäfts nicht mehr finden konnte.
    „Warum nur. Warum? Ich habe doch alles Menschenmögliche getan!“
    „Es war nicht genug!“
    „Donuts kaufen die Leute! Wissen die denn nicht was gut ist?“
    Und so machte sich Marzipan-Randy wieder auf den Weg um einen Bäcker mit Amerikanern zu finden. Und es gab Tage, da fand er keinen. Furchtbare Tage waren das! Voller Verzweiflung saß er dann zu Hause und kaute auf seinem Marzipanbrot herum und spielte mit den Marzipankartoffeln. Warum ist diese Welt nur so schlecht, fragte er sich immer wieder, bis er endlich in einem kleinen Geschäft wieder einen einzigen Amerikaner mit einem Lachgesicht fand und ihn zu Hause genüsslich und zufrieden aß. Aber der Amerikaner-Notstand kam bald wieder. Was für eine Welt!

  11. Marzipan-Randy und der Maler

    Marzipan-Randy lief gerade gehetzt auf der Jagd nach Amerikanern durch die Innenstadt, als ihn der Anruf Knülles erreichte: „Chef, wir werden gebraucht!“
    20 Minuten später saßen sie in einem Atelier Eduard Bärlauch gegenüber.
    „Ich bin Kunstmaler… wahrscheinlich haben sie schon von mir gehört? Eduard Bärlauch der Ältere? Nein?“, enttäuscht fuhr der wohl um die 50 Jahre alte und vollbärtige Künstler fort, der sein schütteres Haupthaar offen und sehr lang trug, „Ich bin das Opfer von Vandalismus der schlimmsten Ausprägung geworden…“
    „Präzisieren sie das bitte“, unterbrach ihn Niedlich, der mit Korbinian Knülle nur mühsam einen freien Platz auf einem Ledersofa zwischen allerlei Malutensilien gefunden hatte.
    „Das hier…“, er zeigte voller Entsetzen auf ein Ölgemälde, was… ja, was sollte es darstellen? Marzipan-Randy, der sich verstohlen ein Marzipanei in den Mund schob und auch Knülle waren sich nicht sicher. War es abstrakt? Stellte es eine Hirschkuh dar?
    „…ist nicht mein Pinselstrich! Mein Werk wurde verfälscht.“
    „Wir sind keine Kunstexperten, Herr Bärlauch… Warum nennen sie sich eigentlich Eduard Bärlauch der Ältere? Nur für unseren Bericht später“, fragte Knülle.
    „In der Kunstgeschichte gab es berühmte Maler wie Lucas Cranach den Älteren, dessen Sohn Lucas ein ebenso berühmter Künstler wurde und sich entsprechend Lucas Cranach der Jüngere nannte.“
    „Haben sie denn einen Sohn?“
    „Noch nicht… aber man weiß nie…“
    „Ah, ja“, meinte der Kommissar nur.
    „Vielleicht adoptiere ich meinen begabten Schüler Krischan Dröch… Dann wird er später glorreich als Eduard Bärlauch der Jüngere in die Kunstgeschichte eingehen.“
    „Nun aber wieder zurück zu ihrem Verdacht, äh, Herr Bärlauch der Ältere…“
    Aufgeregt zeigte der Maler auf eine dünne blutrote Linie.
    „Dieses Rot verletzt meine Bildkomposition. Es passt… nein, besser, es gehört hier nicht hinein. Es stört die ganze Atmosphäre. Das Bild lebt dadurch nicht mehr! Es ist verletzt… Tot. Nicht mehr erlebbar…“
    Bärlauch hatte sich in Rage geredet und musste sich sogar eine Träne aus dem linken Auge wischen.
    „Und sie waren es nicht? Rein hypothetisch gesprochen. Zufällig. Ganz zufällig ist ihnen der Pinsel ausgerutscht“, sagte Korbinian Knülle.
    Der Maler war entsetzt und zutiefst beleidigt. Er schüttelte nur seinen Kopf, schloss die Augen und weinte.
    „Herr Bärlauch, kommen sie bitte wieder zu uns zurück… Mein Assistent, der bei seiner Feinfühligkeit Seelsorger hätte werden sollen…“
    Hier blickte der Künstler kurz auf und blickte die beiden Polizisten böse an.
    „War ein Scherz. Nur ein Scherz“, entschuldigte sich Marzipan-Randy schnell und warf zur Beruhigung gleich 3 Marzipaneier in seinen Mund.
    „Was mein Schaffen angeht, verstehe ich keinen Spaß, meine Herren“, sagte Eduard Bärlauch der Ältere mit beleidigter Stimme.
    „Natürlich, natürlich“, versicherte Knülle schnell, der den sensiblen Kunstmaler trotzdem nicht ernst nehmen konnte.
    „Könnte ihr Schüler der Übeltäter sein?“
    „Niemals!“, entgegnete der Maler auf Niedlichs Frage.
    „Ist er eigentlich da?“
    „Nein.“
    „Wann können wir ihn sprechen“, hakte Korbinian Knülle nach.
    „Im Moment fährt er Taxi…“
    „Taxi?“
    „Schließlich muss er seine Ausbildung zum Kunstmaler bei mir bezahlen! Ich bin ja kein Wohltätigkeitsverein und muss auch leben! Und sein Geld verdient sich Krischan eben als Taxifahrer“, antwortete Eduard Bärlauch der Ältere.
    „Gegen Abend ist er wieder hier. Aber eine Befragung Krischan Dröchs können sie sich sparen… Er ist ein ehrlicher, ordentlicher und sehr eloquenter Schüler.“
    „Wollen sie eine Anzeige gegen Unbekannt erstatten“, fragte Marzipan-Randy.
    „Bitte“, antwortete Bärlauch nur.
    „Können sie es nicht einfach übermalen?“, fragte Knülle und grinste dabei fast schon unverschämt.
    Niedlich warf sich präventiv gleich 2 Marzipaneier ein und brummte nur: „Knülle! Ruhig!“
    „Ein Werk von Eduard Bärlauch den Älteren wird nicht einfach übermalt!“, ereiferte sich der Maler tief gekränkt.
    „Mein Assistent meint es nicht so“, entschuldigte sich Marzipan-Randy beim Maler und schaute Knülle strafend an.
    „Ich bin dieser Befragung einfach nicht mehr gewachsen“, schluchzte Bärlauch plötzlich.
    „Ich bin Künstler! Sensibel bis in die Haarspitzen…“, fuhr er mit weinerlicher Stimme fort.
    Dann erstarb seine Stimme und er griff nach einem Kissen und weinte hemmungslos hinein.
    „Ja, ja“, versuchte nun auch Knülle den Kunstmaler zu beruhigen.
    „Das ist ihre Schuld, Knülle. Feinfühlig wie ein Hauklotz“, brummte der Kommissar Korbinian an.
    „Ja, Chef“, antwortete dieser uneinsichtig.
    „Bitte verlassen sie mein Atelier“, sagte Bärlauch mit brüchiger Stimme zu Knülle.
    Ohne Vorankündigung – Knülle hatte sich gerade erhoben – entfleuchte ihn ein gewaltiger Nieser, dessen Urkraft erst bei einem Ölgemälde, was in der Nähe auf einer Staffelei stand, Halt machte.
    „Nein, nein“, jammerte Maler Bärlauch voller Verzweiflung, „habe ich ihnen irgendetwas angetan?“
    Entsetzt sah er die ganze Welt gegen sich.
    „Was soll ich jetzt mit diesem, meinem Meisterwerk machen, Herr? Sagen sie es mir?“
    „Reinigen? Übermalen?“, antwortete Korbinian mit leicht schlechtem Gewissen.
    „Sind sie des Teufels? Vernichten kann ich es! Vernichten! Die ganze herrliche Bildkomposition… alles verhunzt, kaputt, einfach kaputt, die Messitsch – alles für die Katz.“
    „Ich werde noch verrückt. Sie sind ein wahrer Kunstbanause, Herr!“
    Und der Kunstmaler weinte hemmungslos.
    „Knülle, was ist heute bloß mit ihnen los“, fragte Marzipan-Randy entgeistert, „sie haben eine Sachbeschädigung allerhöchsten Grades verursacht.“
    Nervös leerte Niedlich seine Marzipantüte.
    „Knülle gehen sie. Machen sie sich nützlich und führen Befragungen durch!“
    „Wen soll ich befragen?“
    „Irgendwen! Sie werden schon jemanden finden.“
    Knülle verließ gesenkten Hauptes das Atelier und traf im nobel eingerichteten Wohnraum des Malers auf die Reinmachefrau.
    „Mannomann, ist ihr Chef immer so ein Pedant“, fragte er sie.
    „Ja… ich…“, stotterte sie, die auf den Namen Magda Dressmann hörte.
    Mit dem Gespür eines erfahrenen Polizisten, wusste Knülle, dass der Fall nun eine interessante Wendung nehmen konnte.
    „Ich möchte eine Aussage machen… muss ich dann ins Gefängnis“, fragte die korpulente und schon ältere Frau Knülle ängstlich.
    Ohne auf eine Antwort zu warten, erleichterte sie ihr Gewissen und befreite sich von einer schweren Last.
    „Ich war es…“
    Und sie begann zu erzählen.
    „Ich war gerade im Atelier am Wischen, als diese ekelhafte, prall mit Menschenblut gefüllte Mücke mich anflog. Ich schlug nach ihr und erwischte sie, gerade als sie auf dem Werk des Meisters Platz genommen hatte. Ein nicht zu übersehender Blutstreifen war das unschöne Ergebnis. Ich versuchte sehr vorsichtig, noch das Blut, was mir von der dicken Mücke, ihre Seele ruhe in Frieden, unfreiwillig entnommen worden war, zu entfernen. Aber es ging nicht. Ein kleiner roter Streifen blieb als Fanal zurück. Ich hatte einfach nicht den Mut Herrn Bärlauch von diesem Vorfall zu unterrichten…“
    Korbinian Knülle grinste.
    „Und muss ich jetzt ins Gefängnis“, fragte Magda Dressmann wieder.
    „Nein. Sicher nicht. Aber kommen sie, sie müssen ihre Aussage noch einmal vor Herrn Bärlauch wiederholen.“
    „Beschützen sie mich“, und sie begann zu schluchzen.
    „Keine Sorge, Frau Dressmann.“
    Zurück im Atelier staunte Knülle über seinen Chef, der Bärlauch – wohl widerstrebend – in den Arm genommen hatte und ihn tröstete.
    „Chef“, rief Knülle Niedlich an.
    „Raus“, brummte dieser nur.
    „Chef“, Korbinian ließ sich nicht beirren, „der Fall ist gelöst… Es war eine Mücke und die Putzfrau.“
    „Was“, schrie der Maler auf.
    „Es ist wahr, Herr Bärlauch“, sagte Magda Dressmann leise.
    In diesem Augenblick kam Krischan Dröch – ein drahtiger, junger Bursche – herein, der sofort vom Maler über die Vorgänge unterrichtet wurde und sich dann sogleich Knülles Niesgemälde interessiert zuwandte.
    „Meister, da lässt sich was draus machen. Der Nieser hat eine neue Facette in ihr Werk gezaubert. Durch den feuchtdunklen Fleck wirkt es irgendwie geheimnisschwangerer, mystischer.“
    „Findest du“, fragte Eduard Bärlauch der Ältere zweifelnd.
    „Ja, Meister.“
    „Gut, ich werde in mich gehen… Aber ihnen, Frau Dressmann kann ich nicht vergeben! Ich als Künstler bin tief gekränkt. Eine erschlagene Mücke…“
    Dröch stand nun vor diesem beschädigten Gemälde.
    „Aber Meister, haben sie gestern nicht auch über einen Mückenstich geklagt? Der Lebenssaft eines Kulturschaffenden – eines der größten Künstler unserer Zeit – und das einfache Blut einer Putzhilfe vereint auf einem ihrer Gemälde. Es verleiht ihrem Werk eine überraschend soziale und tiefgreifende Stärke!“
    Der Maler schaute Dröch lächelnd an: „Krischan, meinst du wirklich, dass sich auch mein Blut auf dem Gemälde befindet?“, und er schaute noch einmal auf seine Arbeit, schloss die Augen und hielt seinen rechten Zeigefinger an die Nase.
    Als Knülle etwas sagen wollte, zischte Dröch nur: „Ruhe! Der Meister denkt.“
    Schließlich öffnete Bärlauch wieder seine Augen und meinte: „Mir fehlt im Moment die rechte Inspiration. Aber, Frau Dressmann, ich vergebe ihnen.“
    „Oh, danke“, strahlte sie.
    „Dann ist ja alles im Lot“, sagte Kommissar Niedlich erleichtert und schaute Dröch dabei dankbar an, „und der Fall ist erledigt.“
    „Knülle, es war nicht ihr Tag“, brummte Marzipan-Randy, als er und sein Assistent ins Präsidium zurückfuhren, „aber meiner auch nicht“, fügte er selbstkritisch an.
    Korbinian antwortete nicht, denn er empfand diesen Tag im Atelier des Malers durchaus als gelungen.
    Zurück im Präsidium benötigte Randolph O. Niedlich ein ganzes Marzipanbrot um sein Seelenleben wieder ins Gleichgewicht zu bringen, während Knülle den Rest des Tages fröhlich verbrachte.

  12. Marzipan-Randy und der Kettenraucher

    Marzipan-Randy war gerade auf dem Weg zu einem Bäcker, der angeblich Amerikaner im Angebot hatte, als Knülle ihn anrief: „Chef, wir werden gebraucht! Es liegt eine Vermisstenanzeige aus dem Hafen vor. Ein gewisser Wolfdietrich Schnickschnack ist spurlos verschwunden.“
    Genervt musste Kommissar Randolph O. Niedlich seinen brennenden Wunsch nach Amerikanern zurückstellen und traf seinen Assistenten vor einem Bürogebäude. Hier residierte die Firma, die für den Hafenumschlag verantwortlich war. Sie wurden schon vom Betriebsratsvorsitzenden Thorsten Rupfer erwartet – ein riesiger, ziemlich korpulenter, aber stets lächelnder Mann. Knülle und Niedlich nahmen in einer dezenten Sitzecke Platz und Rupfer kredenzte ihnen Kaffee, der Knülle sehr mundete, während Marzipan-Randy, der jetzt lieber ein Marzipanbrot oder einen Amerikaner vertilgt hätte, als Nicht-Kaffeetrinker aus Höflichkeit nur an der Tasse nippte.
    „Herr Rupfer“, begann Niedlich, „sie vermissen also Wolfdietrich Schnickschnack?“
    „Jawohl, ja, aber inzwischen nicht nur ihn“, antwortete der Betriebsrat besorgt.
    „Innerhalb von 3 Tagen sind 3 Kollegen verschwunden. Zuerst Schnickschnack, dann seit gestern auch Ulf Madenbeisser und seit heute Morgen ist Frantisek Piepenbrinck nicht mehr auffindbar.“
    „Die 3 Fälle müssen nicht zusammenhängen. Seit gestern also Madenbeisser… er könnte beispielweise versackt sein und Piepenbrinck vielleicht mit Darmproblemen seit Stunden auf der Klobrille hocken… Wir sollten uns vorläufig auf Wolfdietrich Schnickschnack konzentrieren, der – wie sie sagten – seit 3 Tagen verschwunden ist“, folgerte Niedlich messerscharf.
    „Genau. Montagvormittag haben ihn Kollegen noch gesehen und plötzlich war er wie vom Erdboden verschluckt.“
    „Was für eine Funktion füllt Schnickschnack aus“, fragte Korbinian Knülle.
    „Er ist in unserer Verwaltung als Abrechner tätig.“
    „Und die anderen beiden“, hakte Marzipan-Randy nach.
    „Auch… Merkwürdig“, sinnierte Rupfer.
    „Das ist wirklich merkwürdig. Vielleicht hängen die 3 Fälle doch irgendwie zusammen“, sagte Kommissar Niedlich nun sehr nachdenklich.
    „Vielleicht sollten sie mit Sepp Ratzmann sprechen. Er ist der Chef der Abrechnung“, meinte Thorsten Rupfer.
    „Genau“, nickte Niedlich.
    Die beiden Polizisten wurden vom Betriebsratsvorsitzenden zu Ratzmann geleitet. Dieser war schon ein älteres Semester und zog nervös an einer Zigarette. Seine Hände beschäftigte er mit dem Stopfen von Zigaretten. Auf seinem Schreibtisch lagen ein Stopfgerät, Unmengen von Zigarettenhülsen und Tabak. Mit einer Hand wischte er seinen Schreibtisch von Tabakkrümeln frei, als die Polizisten und Rupfer eintraten.
    „Tag, Sepp. Darf ich vorstellen? Sepp Ratzmann… Kommissar Niedlich und sein Assistent Knülle.“
    Danach ließ Thorsten Rupfer die 3 Männer allein.
    „Herr Ratzmann“, begann Marzipan-Randy, „es werden zurzeit 3 ihrer Mitarbeiter vermisst… Haben sie eine Ahnung, was Schnickschnack, Madenbeisser und Piepenbrinck widerfahren sein könnte?“
    „Diese Segelflieger… hab keine Idee“, und er zog wieder nervös an seiner Zigarette, die schon fast komplett abgebrannt war.
    „Die 3 sind Segelflieger“, fragte Knülle, „da hätten wir ja schon eine Gemeinsamkeit – neben der Arbeit natürlich.“
    „Keine Segelflieger… ich nenn sie nur so! Aber wenn sie nicht bald wieder auftauchen, werde ich sie mit dem Arsch an die Decke hängen!“
    In diesem Moment spuckte er seine Zigarette aus, die ihn seine Lippen verbrannt hatte.
    „Das sind ja drastische Maßnahmen, Herr Ratzmann!“
    „Nur ein Spruch – nur ein Spruch“, verteidigte er sich, „wir bekommen langsam Terminschwierigkeiten wegen des Monatsschlusses.“
    „Und sie haben wirklich keine Idee? Könnte es mit der Arbeit zusammenhängen? Was genau machen sie?“, fragte Niedlich und warf sich ein Marzipanei ein.
    „Wir rechnen mit unseren Kunden die Leistungen ab, die wir für sie erbracht haben“, antwortete Ratzmann, der schon wieder eine neue selbstgedrehte Zigarette im Mundwinkel kleben hatte und wie ein Ertrinkender intensiv an ihr zog.
    „Also nichts Spannendes“, fragte Knülle.
    „Nein, eigentlich nicht“, antwortete Sepp, dem gerade Asche mit etwas Glut auf einige Papiere gefallen war und die nun ein Loch aufwiesen. Mit einer schnellen Bewegung wischte Ratzmann die Asche vom Tisch und pustete auf das nun nicht mehr brennende Papier ein.
    „Können wir uns die Arbeitsplätze der Vermissten einmal anschauen“, fragte Marzipan-Randy.
    „Natürlich.“
    Ratzmann führte die beiden Polizisten in einen Nebenraum, wo ein nicht mehr ganz junger, rotgesichtiger Mann geflissentlich aufsprang und einen Diener machte.
    „Chef“, rief er gleich, „Chef, ich hab die Arbeit schon fertig! Haben sie noch etwas für mich zu tun?“
    „Clemens Kratzer, mein bester Mitarbeiter“, stellte der Büroleiter seinen Untergebenen vor.
    „Kratzer, kommen sie gleich in mein Büro“, sagte Sepp Ratzmann freundlich und Kratzer lächelte und machte wieder einen Diener, aber dieses Mal noch tiefer als zuvor.
    Einen Raum weiter standen sie dann vor den verwaisten Schreibtischen der 3 Vermissten.
    „Aha, sie arbeiten also zusammen“, erkannte Knülle blitzschnell.
    „Eine ganz faule Bande“, meinte Clemens Kratzer und machte wieder einen Diener.
    „Na, na, Kratzer“, wiegelte Sepp ab.
    „Chef, wie oft haben sie den Dreien schon gedroht, sie mit dem Arsch an die Decke zu hängen…“
    Und Kratzer verbeugte sich wieder.
    „Das meine ich ja nicht wortwörtlich“, entschuldigte sich Ratzmann und wandte sich lächelnd zwischen 2 tiefen Zügen Marzipan-Randy und Knülle zu.
    „Dürfen wir uns hier einmal umsehen“, fragte Niedlich und begann nach dem Nicken Ratzmanns mit Knülle sogleich die Schreibtische zu durchstöbern.
    „Meine Herren, möchten sie vielleicht einen Kaffee“, fragte Kratzer dienernd.
    Der Kommissar und Korbinian verneinten, während Sepp: „Gerne“ antwortete.
    Als Clemens verschwand, aber erst als er sich noch einmal verbeugt hatte, meinte Marzipan-Randy fast beiläufig zu Ratzmann: „Ist ein richtiger Schleimer – ihr bester Mitarbeiter.“
    „Ach, nein… Finden sie?“
    In diesem Moment kam Kratzer lächelnd wieder herein, verbeugte sich und reichte seinem Chef eine Tasse Kaffee und sagte: „Chef, 2 Stückchen Zucker, keine Milch – wie immer.“
    „Danke, Kratzer.“
    Ratzmann ließ die beiden Polizisten allein, während Clemens Kratzer blieb und dienstbeflissen fragte: „Kann ich etwas für sie tun?“
    „Uns allein lassen“, antwortete Knülle nachdrücklich.
    Beleidigt und trotzdem dienernd entfernte sich Ratzmanns Bester.
    Interessantes fand Niedlich in Schnickschnacks Schreibtischschubladen. Hier gab es Wundpflaster, Senftütchen, Kopfschmerztabletten, Stahlnägel, Tütensuppen, ein Gurkenglas, eine Nagelfeile und Pornoheftchen in einem bunten Mix. Die beiden anderen Schreibtische boten bei weitem nicht so viele interessante Dinge. Was zur Aufklärung der Fälle hätte beitragen können, war aber nirgends zu finden.
    Die beiden Polizisten hörten, wie Ratzmann, der sich in der Nähe befand, pausenlos auf einen Mitarbeiter einredete und wieder seinen Standardspruch abließ: „Ich häng dich mit dem Arsch an die Decke, wenn du es wieder falsch machst!“
    „Bobby macht immer Mist“, sagte plötzlich Kratzer, der sich wieder angeschlichen hatte, und grinste.
    „Ah ja“, brummte Marzipan-Randy nur und warf sich aus Ekel vor diesem Schleimer gleich 3 Marzipaneier ein.
    „Knülle, wir sprechen mit den Angehörigen, fahren ins Präsidium und überprüfen mal die Personalien der Vermissten und ihres Chefs und suchen nach Parallelen, Gemeinsamkeiten… Vielleicht werden wir fündig.“
    „Ist gut, Chef“, sagte Knülle, „aber der Herr Ratzmann ist für mich schon sehr verdächtig.“
    „Der einzige Verdächtige, ja.“
    Später im Präsidium war ihre Arbeit nicht sonderlich erfolgreich. Es gab überhaupt keine Anhaltspunkte. Absolut nichts! Nur Ratzmanns Spruch: „Ich häng euch mit dem Arsch an die Decke!“ bot einen Ansatz.
    Die anschließenden Befragungen der Familienangehörigen der verschwundenen Männer führten zu keinen nennenswerten Ergebnissen. Der Fall war verfahren.
    Kurz vor Feierabend erhielt der Kommissar einen Anruf von Rupfer: „Nun ist auch noch Bobby verschwunden!“
    „Bobby?“
    „Robert-Paul Kleinschmidt.“
    „Danke“, sagte Marzipan-Randy kurz und legte auf.
    „Knülle, wir nehmen Sepp Ratzmann fest! Nun ist auch noch sein Mitarbeiter Bobby Kleinschmidt verschwunden, dem er ja auch seine Drohung, wie wir selbst mitbekommen haben, ihn mit dem Arsch an die Decke hängen zu wollen, entgegen geworfen hat.“
    „Jawohl, Chef.“
    Bald darauf saß Ratzmann im Vernehmungszimmer des Präsidiums und stopfte nervös eine Zigarette nach der anderen, bis sein Tabaksvorrat aufgebraucht war.
    „Ich würde vor Wut eher alles Mobiliar im Büro kurz und klein schlagen, als einem meiner Mitarbeiter etwas zu Leide zu tun“, sagte Sepp mit glänzenden Augen.
    „Gestehen sie endlich“, rief Knülle aggressiv.
    „Ich bin unschuldig“, antwortete Ratzmann entgeistert.
    „Sie kommen in U-Haft“, brummte Niedlich unfreundlich und ließ Sepp abführen.
    Knülle und Marzipan-Randy – erschöpft von der Ermittlungsarbeit – gingen danach gemeinsam in einen kleinen Imbiss und aßen jeder eine dicke Currywurst.
    Randolph O. Niedlich, der schnell seine Wurst vertilgt hatte, während Korbinian als Langsamesser noch genoss, bekam plötzlich aus heiterem Himmel eine vehemente Eingebung.
    „Knülle, ich glaube Ratzmann war es nicht, aber dieser Schleimer… wie hieß er noch gleich?“
    „Kratzer, Chef“, antwortete sein Assistent, der gerade etwas von der wunderbaren Soße auf den Tisch gekleckert hatte.
    „Kratzer, ja! Knülle, den nehmen wir uns vor. So ein widerlicher Schleimer… Wer weiß, was der angestellt hat.“
    Als die beiden Polizisten wieder vor dem Bürogebäude standen, kamen sie zu spät, denn Clemens Kratzer und Kollegen hatten längst Feierabend. Nur ein Wachmann hielt die Stellung. Dieser bekam von Niedlich den Auftrag sie durch die angrenzenden Lagerhallen zu führen. Der schon ältliche Hanspeter Armmeyer murrte, denn diese zusätzliche Wanderung kostete dem gehbehinderten Mann doch viel Energie. Der Kommissar bot ihm zur Stärkung und Motivation ein Marzipanei an, was er sonst nie tat. Korbinian Knülle staunte ob dieser sozialen Ader seines Chefs, aber Armmeyer verzichtete und so aß Marzipan-Randy es selbst.
    Knülle und Niedlich durchstöberten sämtliche Hallen, die voller Kisten und Sackgut waren, fanden aber nichts, was ihnen hätte weiterhelfen können. Als Marzipan-Randy Armmeyer schon entlassen wollte, fiel sein Blick auf eine abseits stehende baufällige Halle.
    „Dieser alte Packschuppen wird schon lange nicht mehr genutzt“, brummte der Wachmann, der seinen Sessel und den kleinen Fernseher, den er in seinem kleinen Büro stehen hatte, extrem vermisste, „das Dach ist undicht und alles marode.“
    „Schauen wir uns die Halle mal an“, sagte der Kommissar euphorisch, der ein Kribbeln in der Magengegend verspürte, was aber nicht an dem Mix aus Marzipan und Currywurst lag.
    Der leicht watschelnde Hanspeter Armmeyer ging voran und als sie schließlich das Tor erreicht hatten, hörten sie Stimmen.
    „Bitte öffnen sie“, wies Marzipan-Randy den alten Mann an.
    Ein faszinierender Anblick bot sich den Eintretenden, denn wie von Ratzmann bestellt hingen 4 Männer „mit dem Arsch an der Decke“. Wie sich herausstellte, waren es die vermissten Wolfdietrich Schnickschnack, Ulf Madenbeisser, Frantisek Piepenbrinck und Robert-Paul Kleinschmidt. Sie hingen mit ihren Hosenbunden, gesichert mit Ketten und Laschgurten an großen Haken. Ebenso war eine Seilvorrichtung vorhanden; handwerklich gesehen war alles meisterhaft ausgeführt. Staunend und Marzipan essend befiel Niedlich eine große Hochachtung vor dem Täter.
    „Also, holen wir sie herunter, Knülle“, meinte Marzipan-Randy, „ach, nee. Noch nicht! Wir sollten sie erst einmal so an der Decke hängend fotografieren.“
    „Ja, Chef.“
    Knülle machte sich auf dem Weg zum Auto, um den dienstlichen Fotoapparat zu holen, während Niedlich seine Aufmerksamkeit – natürlich neben seiner Marzipantüte – den 4 Männern widmete.
    „Wer hat sie an die Decke gehängt? Ratzmann?“, fragte Marzipan-Randy.
    „Nein! Kratzer, dieser Drecksack“, schrie Schnickschnack von oben böse herunter.
    „Habe ich mir doch gedacht“, murmelte Niedlich erfreut.
    „Bitte lassen sie uns herunter“, bettelte Robert-Paul Kleinschmidt wehleidig.
    „Gleich, meine Herren. Nur noch etwas Geduld. Sofort nach dem Fotoshooting geht es los.“
    10 Minuten mussten die Männer an der Decke noch ausharren, bis Knülle zurück war und die Bilder geschossen hatte, dann waren sie erlöst.
    Marzipan-Randy gab den Haftbefehl für Clemens Kratzer heraus, der kurz darauf von 2 Polizisten ins Präsidium abgeführt wurde, wo Niedlich und Knülle schon auf ihn warteten.
    „Warum haben sie ihren Kollegen das angetan“, fragte Knülle mild.
    „Ich liebe meinen Chef. Ihm beim Zigarettenstopfen zuzusehen, erfüllt mich mit großer Freude… Aber er ist viel zu weich! Seine Drohung ‚Ich häng euch mit dem Arsch an die Decke‘ hat doch niemand mehr ernst genommen… Ich habe seine Wünsche nur umgesetzt.“
    „Aber das ist Freiheitsberaubung.“
    „Ich wollte ihn nur glücklich machen“, sagte Clemens Kratzer fast entschuldigend.
    Kratzer kam in Untersuchungshaft, während Sepp Ratzmann, der von seiner Frau während des Einsitzens mit einem ganzen Karton voller Zigarettenhülsen und Feinschnitttabak ausgerüstet worden war, sie als freier Mann wieder verlassen konnte.

  13. Der letzte Kampf

    Meine Zeitung schickte mich für einen neuen Auftrag in die Wüste Gobi. In diesen Breiten hatte ich vorher noch nie gearbeitet, und ich freute mich auf die Mongolei. In der Hauptstadt Ulan-Bator mietete ich mir einen Geländewagen, und nach einigen Stunden Fahrt erreichte ich den Zielpunkt meiner Reise.
    Mitten in der Wüste Gobi befand sich ein gewaltiges Lager. Es war eine Art Kaserne mit einem riesigen Übungsplatz. Presseleute aus der ganzen Welt waren anwesend. Denn es stand die Entscheidung – gefordert vom UNO-Sicherheitsrat – an und der ganze Planet wartete fieberhaft auf dieses Event. Die sogenannten Falken sollten ihren Spaß haben und danach endlich mit dem Säbelrasseln aufhören. Die militante Elite und die Hardliner der Politik hatten sich deshalb zum Tag der Entscheidung versammelt. Ich erkannte ohne Mühe den amtierenden US-Präsidenten Ronald Reagan, seinen Außenminister Alexander Haig und aus deutschen Landen Manfred Wörner und Alfred Dregger. Reagan, der Vertreter des heldenhaften, amerikanischen Volkes zeigte in der Maske Wyatt Earps als Sheriff seine ganzen schauspielerischen Fähigkeiten. Wie es aussah, war sein Leibarzt immer an seiner Seite und hatte sich – wohl notgedrungen – als Doc Holliday verkleidet. Die Vorfreude bei Haig schien grenzenlos, denn er strahlte unentwegt wie ein Honigkuchenpferd. Als ehemaliger NATO-Oberbefehlshaber, Vier-Sterne-General außer Dienst und Aufsichtsratsmitglied einer Rüstungsfirma fühlte er sich hier einfach sauwohl. Bisher hatten die meisten der Generäle mit ihren Waffensystemen nur spielen dürfen, aber nun konnten sie endlich richtig kämpfen, Munition verschießen, ihre Panzer nutzen und bomben. In der Wüste Gobi war eine unwahrscheinlich gute Stimmung, die auch uns Presseleute erfasste. Wir Deutschen hatten vergeblich nach Franz-Josef Strauß Ausschau gehalten, aber er hatte es vorgezogen in der bayrischen Landeshauptstadt zu bleiben. Angeblich hatten nur dringende Dienstgeschäfte ihn von der Wüste Gobi ferngehalten. Als Ersatz für ihn waren aber 10 Lederhosen tragende Bayern erschienen. Wir entdeckten General Pinochet und weitere lateinamerikanische Machthaber.
    Die Stimmung steigerte sich noch, als wir von der bevorstehenden Ankunft des Papstes erfuhren, denn die katholischen Teilnehmer der Gobi-Entscheidung hatten um einen Besuch gebeten. Der Papst, immer bereit, wenn es um eine gute Sache ging, traf schließlich lächelnd im Lager ein. Eine Wahnsinnsstimmung herrschte, als Papst Johannes Paul II. die Waffen segnete. Die katholischen Generäle, Obristen und Politiker küssten hingebungsvoll den Ring des Papstes, aber auch den anderen Männern war feierlich ums Herz.
    Am nächsten Morgen hielt der Papst noch eine Messe ab, danach sollte es endlich losgehen. Das Lager hatte sich inzwischen noch weiter gefüllt. Nach Angaben der Internationalen Friedensbewegung als Co-Ausrichter waren fast 10000 gemeldete Kämpfer anwesend, die sich im Vorfeld auch als Privatmensch bewerben konnten. Ungefähr die Hälfte der Leute waren Freiwillige, die einfach heiß auf Krieg waren. Die Kämpfer wurden in 3 Gruppen aufgeteilt – sogar Frauen befanden sich unter ihnen, die NATO-Mitglieder mit grünen Armbinden, Warschauer Pakt-Leute mit natürlich roten und Blockfreie trugen schwarze Armbinden.
    Das Lager hatte einen Durchmesser von gut 5 Kilometern und war von außen so gesichert, dass die Kämpfenden nicht ausbrechen konnten. Als Waffen standen ihnen nur Panzer, Granaten, Maschinengewehre, Maschinenpistolen, Klappspaten und Messer zur Verfügung. Die Munitionskisten wurden den Kämpfern als letztes übergeben. Dann ging es endlich los.
    Wir, die Presse und Beobachter von verschiedenen Staaten und Institutionen, wurden zu einem entlegenen Stützpunkt gebracht, um aus einer sicheren Entfernung von dem Ereignis berichten zu können. Hier standen uns optische Geräte zur Verfügung, mit denen uns es möglich sein sollte, die Kampfhandlungen genauestens zu beobachten.
    Schon waren erste Panzerabschüsse zu hören. Auch Schmerzensschreie schienen in der Luft zu schweben. Sofort blickten wir gebannt auf die optischen Geräte. Was wir jetzt sahen, flößte uns allergrößten Respekt ein, denn Reagan – von uns nur Earp genannt – stand mit gezücktem Revolver in vorderster Front. Doc Holliday stand gebeugt hinter Earp und erhoffte sich dadurch wohl Deckung. Als Panzer näherkamen, verhärtete sich Reagans Gesicht. Im selben Moment schoss ein Panzer eine Salve ab, die Reagan, dessen Arzt und viele andere Kämpfer auseinander riss. Der US-Präsident war aufrecht und stark, eben wie ein echter amerikanischer Held gestorben. Nun brachen die Kämpfe erst richtig los. Geschosse flogen hin und her, und das Land wurde regelrecht umgepflügt. Nach 10 Stunden der Kampfhandlungen waren schon mehr als 7000 Menschen tot. Die Munition ging langsam zur Neige und viele Panzer waren schon längst gebrauchsunfähig. Wir Presseleute harrten aus und hatten Unmengen von Eindrücken zu verarbeiten. Die bayrischen Lederhosen waren schon längst aufgerieben. Wir sahen sie niemals wieder, ebenso schien es Pinochet auch bereits erwischt zu haben. 2 Stunden länger hielten sich noch Dregger und Wörner, die gemeinsam für das Deutsche Vaterland kämpften. Bis zum letzten, deutschen Blutstropfen hatten sie Seite an Seite gegen den Bolschewismus gekämpft und starben tapfer und vereint auf dem Felde der Ehre, wie Dregger es ausgedrückt hätte. Kurz nach ihrem Tode schien keine Munition mehr vorhanden zu sein. Nun hieß es Mann gegen Mann. Zweikämpfe mit Messern, Spaten oder bloßen Händen. Es war unheimlich still und nur ab und zu war ein Schmerzensschrei zu hören. Der Kampf war in die entscheidende Phase getreten. Irgendwie drückte das fast lautlose Gemetzel auf unsere Stimmung. Auch in der Nacht gingen die Kämpfe weiter und den Sonnenaufgang erlebten nur noch ungefähr 100 Kämpfer.
    Alexander Haig kämpfte unverdrossen, denn Kampf war sein Leben. Wir sahen, wie er mit einem Spaten einen Russen erschlug. Mit einem entmenschlichten Gesicht stellte er sich dann dem nächsten Gegner. 4 Stunden später waren nur noch 2 lebende Wesen im Lager. Um sie herum Tod und Verwüstung. Nach langer Suche hatten sich die 2 gefunden. Der eine war natürlich Haig und der andere trug eine rote Armbinde. Beide warfen ihre Messer und Spaten fort. Sie waren stumpf und nutzlos geworden. Und der letzte Kampf begann. Haig und der Rote nahmen ihre Koppel ab und versuchten mit ihren Koppeln den anderen zu erwürgen. Nach einigen Minuten erwartungsvoller Spannung brach der „Rote“ tot zusammen. Haig hatte gesiegt und mit ihm das heldenhafte amerikanische Volk. Der Sieger und letzte Überlebende des Endkampfes in der Wüste Gobi, Ex-General Alexander Haig, hielt jubelnd seine Armbinde in die Luft. Wahre Begeisterungsstürme unter meinen amerikanischen Kollegen brachen aus. Die USA hatte es wieder einmal der Welt bewiesen. Sie war die größte, mächtigste und heldenhafteste Nation der Welt.
    „To dream like a hero“ hatte der US-Präsident Ronald Reagan einst gesagt. Und er hatte recht… leider konnte er es nun nicht mehr selbst miterleben. Wie schade!
    Doch, was mussten wir sehen? Haig, der überragende Sieger ging zum letzten, nicht entwurzelten Baum, kletterte müde ein Stück empor und befestigte seinen Koppel an einen starken, dicken Ast und erhängte sich! Sprachlos sahen wir den Helden am Baum hängen.
    „Versteht ihr nicht“, fragte ein amerikanischer Kollege uns andere.
    „Nein“, antwortete ich.
    „Für Haig ist das Leben nicht mehr lebenswert. Er hat doch nur für den Krieg, das Militär gelebt. Für ihn ist nun alles so sinnlos geworden.“
    Das leuchtete uns ein.
    Die amerikanischen Kollegen wollten sogleich zum Lager fahren, um Haig zu ehren und zu feiern und ihn vom Baum zu holen.
    „Vielleicht lebt er noch!“
    Doch wir anderen hinderten sie daran.
    „Lasst ihn doch hängen. Es ist so ein schönes Abschlussbild!“
    Schließlich einigten wir uns darauf wohl ins Lager zu fahren, aber dann in Ruhe die Fernsehkameras aufzustellen und viele, nein, Unmengen von Bildern zu schießen. Erst als wir genug Material – auch vom Schlachtfeld, was uns ein Bild des Grauens bot, gesammelt hatten, ließen wir Nichtamerikaner unsere Kollegen ihren Helden vom Baum holen. Haig schien in den Stunden des Kampfes mindestens um 10 Jahre gealtert zu sein. Er war total mit Blut beschmiert. Plötzlich öffnete er die Augen und lächelte selig.
    „Er lebt“, schrien die amerikanischen Presseleute glücklich durcheinander.
    Haig grinste und sprach dann mit leiser Stimme: „Es war so schön, doch nun ist es vorbei. Schade, mit einer Neutronenbombe hätte ich sie alle viel früher weggeputzt!“
    Dann starb er voller Glückseligkeit.
    Und endlich herrschte Ruhe auf unserer Welt! Oder?

  14. Ach OldMan, wäre es doch der ‚Letzte Kampf‘ gewesen. Was wäre uns alles erspart geblieben! 😎
    Wow, schön geschriebene Fantasy. 😀

  15. Die Bombe oder:
    Der schönste Tag in seinem Leben

    Karl war an diesem Morgen ziemlich fleißig gewesen. Den Stall hatte er ausgemistet und die Schweine gefüttert. Der Bauer konnte mit ihm zufrieden sein. Karl hatte am Vortag sein letztes Geld versoffen und war noch etwas müde. Er lehnte sich an die alte Pforte vor dem Bauernhaus und blickte versonnen zur nahen Stadt hinüber. Gestern hatte er dort eine neue Piesel entdeckt. Am liebsten würde er dort am Abend wieder einkehren. Er wollte gerade in den Stall zurückgehen, als er einen merkwürdigen Druck verspürte. Es wurde plötzlich sehr heiß und Karl schwitzte. Dann sah er einen Rauchpilz über der Stadt. Mensch – Scheiße, dachte er. In letzter Zeit hatten sich die Anzeichen für einen Konflikt zwischen Ost und West verschärft. Karl verspürte große Angst. War es eine von diesen neuen Neutronenbomben gewesen? Wenn die Russen – oder waren es sogar die Amis – auch auf das Dorf eine Bombe fallen lassen würden… Karl fuhr fahrig mit der Hand über sein Stoppelkinn. Doch er beruhigte sich wieder, als er den Bomber über der Stadt jetzt in die andere Richtung abdrehen sah. Karl ging nervös ins Haus und suchte mit dem verstörten Bauern nach der Tageszeitung. Denn da war gerade heute ein Artikel mit Informationen zu den Neutronenbomben abgedruckt gewesen. Endlich hatten sie den besagten Artikel gefunden. Aha, also im Umkreis von 200 Metern war alles zerstört. Die nächste Information erschreckte Karl und den Bauern, denn innerhalb von 3 Kilometern würde alles Leben durch die Strahlen der Bombe ausgelöscht werden! 3 Kilometer? Vom Stadtrand bis zum Hof waren es gerade einmal 2 Kilometer. Aber wo war die Neutronenbombe heruntergekommen? Vielleicht lagen sie doch außerhalb der Vernichtungszone… Der Bauer schickte Karl mit dem Wagen in die Stadt. Schau nach, sagte der Bauer zu ihm, wo die Bombe eingeschlagen hat. Wenn es die Stadtmitte oder den südlichen Teil getroffen hat, sind wir praktisch tot. Dann sterben wir an den Strahlen. Heute, morgen, übermorgen…
    Bald hatte Karl die Stadt erreicht. Langsam fuhr er durch die Straßen. Es war gespenstisch. Einige Fensterscheiben waren zerbrochen, sonst gab es keine Schäden. Aber Leichen lagen überall herum. Niemand lebte mehr. Mitten auf den Straßen standen Autos mit laufenden Motoren – die Lenker saßen tot in ihren Wagen. Die Ampeln funktionierten noch. Kleinere Unfälle hatte es wohl gegeben, als der Strahlentod die Menschen urplötzlich niedergemäht hatte. Nun plagte Karl auch kein schlechtes Gewissen mehr, wenn er bei rot die Ampeln passierte. Immer wieder musste er Leichen ausweichen, die teilweise in Massen auf den Trottoirs lagen. Auch tote Vögel, Hunde und Katzen gehörten zu den Opfern der Neutronenbombe. Beklemmend wurde Karl sich bewusst, dass er hier das einzige lebendige Lebewesen war. Wie er erwartet hatte, fand er die Abwurfstelle auf dem größten Platz der Stadt. Im Umkreis von ungefähr 200 Metern war tatsächlich alles zerstört. Feuer loderten. Er brauchte einige Zeit um zu begreifen, dass der Abwurfplatz höchstens 2,5 Kilometer vom Bauernhof entfernt war. Und das hieß, er würde bald sterben! In der ersten Gefühlsaufwallung wollte Karl zum Bauern zurückfahren. Doch wozu? Der Bauer würde auch sterben, genau wie er. Vielleicht morgen, vielleicht übermorgen. Karl blieb einige Zeit wie benommen im Wagen sitzen. Dann fiel ihm ein, dass die ganzen Geschäfte und Banken offen waren. Ohne Bewachung und frei für ihn… Er musste nur zugreifen. Bestimmt würden auch bald Plünderer von den Nachbargemeinden in die Stadt kommen. Mord und Todschlag könnten die Folge sein. Karl wollte leben! Leben wie ein reicher Mann, wie ein König! Seine letzten Tage wollte er mal richtig die Sau raus lassen, auf den Putz hauen, so wie er es sich immer erträumt hatte. Saufen, fressen, rauchen, teure Klamotten, mit Geld um sich schmeißen und tolle Autos fahren. Und Frauen… Käufliche Weiber… Er hatte jetzt ja viel Geld. Er musste es sich nur nehmen. Karl fuhr zur Hauptgeschäftsstraße zurück. Vor der größten Bank der Stadt lagen viele Leichen. Er trat ziemlich leichten Herzens über sie hinweg und ging in den Kassenraum. 20000 Mark lagen für ihn bereit. Er stopfte das Geld in seine Jackentasche und machte sich auf dem Weg zu einem Kaufhaus. Über Leichen steigend, strebte er der noch intakten Rolltreppe entgegen. Er kleidete sich neu ein. Wohlgefällig stand er vor einem Spiegel und betrachtete sich. Er sah wie ein neuer Mensch aus. Dann begab Karl sich zur Schuhabteilung und fand auch bald neue, teure Treter. Dort stand eine Kasse offen und Karl griff ungeniert hinein. Warum nicht? Besser er, als Plünderer oder Soldaten, die hier sicherlich auch bald auftauchen würden. Karl fühlte sich wohl. Er hatte einen Haufen Geld in der Tasche und war gut gekleidet. Jetzt brauchte er etwas für seine störrische Leber. Er verließ das Kaufhaus und trat in eine auf der anderen Straßenseite gelegenen Kneipe ein. Er ging sogleich hinter die Theke und schenkte sich selbst ein Bier ein. Und wieder war ein Traum in Erfüllung gegangen. In der Kneipe war zum Zeitpunkt des Bombenabwurfs nicht viel los gewesen, denn nur 3 Leichen fand er dort vor. Aber irgendwie schmeckte ihm, ganz ohne Gesellschaft, das Bier nicht. So beschloss er in eine andere Stadt zu fahren. Die Taschen voller Geld stieg er in den Wagen seines Bauers. Da fiel sein Blick auf die vielen, schönen Wagen, die ungenutzt auf den Straßen standen. Karl fand schnell einen für ihn passenden Wagen. Einen dicken Mercedes. Der Motor lief, der Schlüssel steckte. Karl warf den toten Fahrer vorsichtig auf die Straße und brauste los. Er kontrollierte die Tankanzeige. Der Tank war fast voll. Bald darauf verließ er jubelnden Herzens die tote Stadt. Nach einigen Kilometern begegneten ihn auf den Straßen auch andere Autofahrer, die Karl verschreckt anschauten. Doch er ließ sich nicht beirren und fuhr der nächsten größeren Stadt entgegen.
    Eine Stunde später hatte er den noch völlig intakten Ort erreicht. Karl fand bald eine vornehme Bar. Er verließ den schönen Wagen und ging hinein. Alkohol und Weiber! Endlich konnte er so sumpfen, wie er es sich schon immer erhofft hatte. Es wurde der schönste Tag seines Lebens. Und sein letzter. Denn er starb noch in der Nacht an den Folgen des Bombenabwurfs. Ihm blieb nicht einmal Zeit genug, das ganze Geld auszugeben.

  16. „Alles kurz und klein schlagen“

    In Bayern lebte vor gut 150 Jahren der berühmte Großwildjäger Edmund von Steuberlein. Im Volksmund wurde er nur Eddie, der Stotterer genannt. Als Jäger wurde er zur Legende, als er den dicksten Bären, der jemals in deutschen Landen gesichtet wurde, mit nur einem Schuss erlegt hatte. Obwohl hochanständige Zeugen von einer desorientierten und leicht verhaltensgestörten Kuh sprachen, die der Jägersmann versehentlich den Garaus gemacht hatte. Edmund hatte mit dem Stottern erst als verheirateter Mann begonnen. Seine Ehefrau, das Freifräulein Hedwige über Stock und Stein – mit den ältesten Adelshäusern Deutschlands verwandt – war eine sehr strenge und gottesfürchtige Person, die keine Kompromisse duldete. So war der hochgeachtete Großwildjäger Edmund ein Pantoffelheld geworden und schien sich nun sogar der Trunksucht hingeben zu wollen. Hier konnte er sich virtuos und leidenschaftlich geben und genoss die Saufgelage im „Räudigen Köter“. Nicht einmal seine kleinen Söhne Gotthold und Gotthilf konnten ihn zu Hause halten, denn den strengen, missbilligenden Blicken Hedwiges war er einfach nicht gewachsen. So streifte er durch die Wälder oder saß im Wirtshaus und versuchte den Tag zu vergessen, an dem er seiner Frau das erste Mal begegnet war. Als Edmund von Steuberlein eines schönen Tages versehentlich den Ziegenbock des Pfarrers Augustinus erschoss, obwohl er auf ein Wildschwein angelegt hatte, weil ihm die Hand wegen seines exzessiven Alkoholkonsums zitterte, wollte, nein, musste er sein Leben ändern. Aber wie? Weglaufen und ganz von vorne beginnen? Ohne seine Söhne?
    Da entdeckte er zufällig in einem Wald eine alte, fast zugewachsene Jagdhütte, wo uralte Hafersäcke lagerten. Natürlich war der Hafer längst vergammelt, aber vor Wut – er hatte gerade an die letzte Szene, die ihm Hedwige gemacht hatte, gedacht – drosch er mit seinen Fäusten auf die Säcke ein, bis ihm die Knöchel weh taten. Der Wutausbruch – für ihn eigentlich ganz untypisch – und das Einschlagen auf die unschuldigen Säcke hatten ihm gut getan. Von nun an ging er fast jeden Tag zur Hütte und malträtierte die Hafersäcke.
    Einige Wochen später traf er während der Pirsch auf einen alten Jägerkameraden, den Mandlhuber Sepp, der wie Edmund unter dem Pantoffel seiner Frau Resi stand. Edmund erzählte Sepp von der Hütte und wie er sich nach der Züchtigung der Säcke wie befreit fühlte. Er nahm Sepp mit und auch diesem erging es nicht anders.
    Da hatte Edmund von Steuberlein die Idee seines Lebens, und er gründete die erste Selbsthilfegruppe der Welt. Er nannte sie „Mannsbilder in Not“. Und sie bekam schnell Zulauf von vielen frustrierten Männern, die von nun an ihre Wut an den Säcken ausließen. Bald ersetzte Edmund die Hafersäcke durch neue, die mit Sand gefüllt waren. Ein Wundarzt siedelte sich an, und als Edmund, der nun auch weniger stotterte, mehrere Hauklötze vor der Hütte aufstellte und Baumstämme anliefern ließ, entstand ein blühender Handel mit Feuerholz, der die Arbeit und die Materialien der Selbsthilfegruppe wie von selbst finanzierte. Aus dieser Zeit stammt auch der Ausdruck bzw. Spruch: „Alles kurz und klein schlagen.“

  17. „Die Laufbahn“

    Angelika Murksel lebte in einem kleinen Dorf in Mitteldeutschland. Sie war nicht gerade hübsch, dafür aber sehr sparsam. Angelika trug die alten Sachen ihres Vaters auf und kreierte unbewusst den ersten Hosenanzug Mitteldeutschlands. Ihre Frisur glich der des Prinzen Eisenherz aus den Comics, denn der Friseur des Dorfes fand, dass ihr Antlitz der des Prinzen schon sehr ähnlich war. In dieser ländlichen Gegend gab es nur einen Sportverein, der bei der Freizeitgestaltung hilfreich sein konnte. Sie begann als Langläuferin auf der Dorfwiese. Sie lief gleichmütig ohne großen sichtbaren Einsatz dahin. Bei Wettkämpfen, obwohl ihr Ehrgeiz dann doch geweckt wurde, belegte sie nur hintere Plätze. Und sie sah putzig aus, wenn sie lief. Ihre Arme bewegte sie dabei ganz komisch. Sie schienen irgendwie viel zu kurz zu sein oder waren sie bis zum Ellenbogen etwa seitlich angewachsen? Ihre Konkurrenten machten sich über sie lustig, und so entschloss sie sich als Funktionär Karriere zu machen. Der Vereinsvorsitzende Helmuth Birnbaum bot ihr den Stellvertreterposten im SV Germania von 1880 an, denn er benötigte dringend eine helfende Hand. Angelika Murksel sagte zu. Mit der Zeit entstand ein großes Vertrauensverhältnis und Birnbaum sprach bald nur noch von „seinem Mädchen“, wenn es um sie ging. Eigene Visionen und Ideen konnte sie in die Vereinsarbeit nicht einbringen, denn dazu war sie einfach nicht in der Lage. Kreativität und Phantasie waren nicht gerade ihre Stärken. Als Helmuth Birnbaum mit der Idee kam eine Bahn für die Läufer des Vereins auf der Dorfwiese zu bauen, übergab er die Planung vertrauensvoll in Angelikas Hände. Als die Laufbahn fertig war, wurde die Einweihung groß gefeiert und das ganze Dorf war bei Bier und Bratwurst dabei. Angelika Murksel grinste zufrieden, aber als sich einer der ersten Läufer bei einem Sturz schwer verletzte – die Schlacke war viel zu grobkörnig, wies sie eine Mitschuld voller Entrüstung zurück. Feinere Schlacke war ihr zu teuer gewesen, aber sie hatte die Schlacke nicht produziert, die Idee für die Laufbahn war von Helmuth Birnbaum ausgegangen und warum ging der Läufer überhaupt zu Boden? Eigene Dummheit! Also war sie für die Verletzung des Sportlers natürlich nicht mitverantwortlich. Sie begann das Problem auszusitzen, bis sich die Gemüter beruhigt hatten und lächelte immer freundlich weiter. Murksels Lehrmeister hatte ihr einst gesagt: „Du brauchst nichts zu können, aber umgebe dich mit Leuten, die was drauf haben.“ Und daran hielt sie sich ihr Leben lang. Als die Zeit reif war, putschte sie gegen den vollkommen überraschten Birnbaum, der über einen Buchhaltungsfehler gestolpert werden konnte und seinen Hut nehmen musste. So wurde Angelika Murksel Vorsitzende des SV Germania von 1880 und blieb es. Unpopuläre Entscheidungen verkündete sie nie selbst, denn dafür hatte sie ihre Leute. Ronny Fallobst war so einer, der die Drecksarbeit für sie erledigte, damit sie in der Öffentlichkeit nur als die Gute wahrgenommen wurde. Und es klappte! Aber sie machte Fehler, für die mit der Zeit ihre Vertrauten nach und nach Schuld auf sich nehmen und zurücktreten mussten. Und plötzlich war sie allein. Weil sie nun sicherheitshalber keine Entscheidungen mehr traf, die ihr sowieso immer sehr schwer gefallen waren, erlahmte die Vereinsarbeit fast völlig. Aber für die Öffentlichkeit blieb sie weiterhin die liebe, gute Angelika Murksel.

    Von damals an war die Laufbahn nicht nur eine befestigte Strecke für Läufer, sondern diente auch als Ausdruck für eine berufliche Karriere.

  18. Der Schwarzseher:

    Als der Knecht Louis Breitenpichler, weil er seiner figürlich unnachahmlichen Bäuerin Hildegundis Schwarz visuell nachgestellt hatte, als erster Spanner der Neuzeit entlarvt wurde, schlug die große Stunde des Pfarrers Alfred Bräustedt, der an der St. Gottesfürcht-Kapelle in Süd-Klein-Kirchheim im Meckerkreis wirkte. Er galt als großer Seelsorger und Prediger, der auch mal über das Ziel hinausschoss, aber seine Gemeinde liebte ihn.
    „Louis, du bist ein großer Sünder“, sagte Pfarrer Bräustedt mild.
    „Herr Pfarrer, haben sie schon einmal so herrliche Hüften gesehen“, schwärmte Breitenpichler von seiner Bäuerin, „sie ist so erotisch und macht mich ganz verrückt.“
    „Louis, ich versage mich der Fleischeslust! Ich bin ein Diener Gottes! Aber du kannst nicht einfach auf einen Baum klettern und mit einem Fernrohr in das Schlafgemach deiner Chefin stieren.“
    „Ich kann nicht anders, Herr Pfarrer…“
    „Wie lange hast du dich schon versündigt“, fragte der Kirchenmann.
    „Sie ist die fleischgewordene Sünde“, verteidigte sich der Knecht, lächelte und dachte nur noch intensiver an die Hüften seiner Bäuerin, „doch schon sehr lange…“
    „Louis, wenn dich der Bauer erwischt hätte… Er hätte dich mit der Forke aufgespießt.“
    „Ach, der, Herr Pfarrer. Der hat doch nur Augen für seine trächtigen Kühe. Und sie ist eine Göttin!“
    „Gotteslästerung! Blasphemie! Es gibt nur einen Gott, Mutter Maria und das Jesuskind!“
    Breitenpichler gelobte Besserung, aber bald saß er wieder auf dem Baum und betrachtete aus der Ferne jede Bewegung der Bäuerin. Ignatz Schwarz, ihr Mann, hatte dem Treiben seines Knechts lange zugeschaut, bis es ihm zu bunt wurde. Als Louis wieder einmal mit dem Fernrohr auf dem Baum hockte und in das Schlafzimmerfenster von Hildegundis schaute, schlich sich der Bauer leise heran und kletterte zu seinem Knecht den Baum hinauf. Breitenpichler hatte nichts bemerkt und ergötzte sich bei dem Anblick der Bäuerin, bis sich der Bauer vor seinem Knecht in Positur setzte und böse in das andere Ende des Fernrohres blickte.
    „Hab ich dich, Bürschchen“, brummte der Bauer und Louis stockte der Atem.
    „Ich sah nur Schwarz…“, erzählte Breitenpichler dem Pfarrer später voller Entsetzen.
    Seit damals gibt es den Begriff des Schwarzsehers.
    Ignatz Schwarz zerrte Louis voller Wut vom Baum, zerstörte das Fernrohr und schleppte ihn mit eiserner Faust zum Pfarrhaus.
    „Herr Pfarrer, dieser Mensch gehört bestraft! Er hat Sündiges getan!“
    Der Pfarrer war gut vorbereitet und hatte sich eine Strafe ausgedacht, die irgendwie mit einer Taufe vergleichbar war. Louis Breitenpichler sollten durch das Untertauchen in eiskaltes Wasser die lüsternen Gedanken aus dem Kopf getrieben werden. Gleichzeitig diente dieser Vorgang nach der Befreiung quasi auch als Neutaufe.
    Bei der Durchführung, mit einer gewissen Portion Wut im Bauch, ob der sündhaften Gedanken des Knechts, rief der Pfarrer voller Inbrunst: „Hosianna!“ und wiederholte es unzählige Male. Dabei übergoss er ihn mit großen Mengen Weihwasser. Dank dieser Maßnahmen geheilt, verließ Breitenpichler das Dorf nach der Neutaufe vollkommen beseelt und ward nie mehr gesehen.
    Einige Jahre später entwickelte der amerikanische Geheimdienst nach den Plänen des Pfarrers Bräustedt das Waterboarding, was leider sehr häufig zur Anwendung kam. Bald darauf entdeckte die Freizeitindustrie die Möglichkeiten, die ihnen das Waterboarding bot, und es wurde die neue Trendsportart, für die die Hersteller spezielle Sportbekleidung und weitere nutzbare Waterboarding-Artikel entwarfen. Bei den 2-tägigen Wettkämpfen war der Sportler an einem Tag der Ausführende und am anderen der Wasserfasser – nicht Wasserlasser, wie die verniedlichte Form des Opfers genannt wurde und konnte seine außergewöhnliche Ausdauer demonstrieren. Das Waterboarding verbreitete sich rasend schnell um die ganze Welt, und kaum jemand wusste, dass sie diese Sportart eigentlich Pfarrer Alfred Bräustedt zu verdanken hatte.

  19. Der Schlafwandler:

    Gerhard Klexendorff arbeitete Anfang des 19. Jahrhunderts am Städtischen Theater zu Gotha als Maskenbildner. Er war ein wahrer Meister seines Fachs und schminkte die Schauspieler so grandios, dass diese sich noch mehr mit ihren Rollen identifizieren konnten.
    Klexendorff war trotz fortgeschrittenen Alters noch Junggeselle und lebte zur Untermiete bei der Oberpostratswitwe Burgmeier, die ihn wie eine Mutter umhegte. Er lebte eigentlich nur für seine Arbeit und ging kaum aus, obwohl er sich oft eine eigene Familie wünschte. Aber als er beim Mittagessen im „Läufigen Kater“ Magdalena Brotmann, die neue, junge Kellnerin sah, war es um die Ruhe Gerhard Klexendorffs geschehen. Nun ging er nicht nur zum Mittagessen in den „Kater“, sondern auch abends um ein Bierchen zu trinken und die Leute zu beobachten. Aber eigentlich hatte er nur Augen für die hübsche Kellnerin, die so fröhlich war und immer strahlte. Gerhard konnte sich nicht an ihr satt sehen.
    Nach 3 Wochen des freundlichen Anlächelns wollte sich Gerhard ein Herz nehmen, sie ansprechen und sie um ein Rendezvous bitten. Doch da musste Gerhard mit ansehen, wie der Wirtssohn Vitus Plumpsberger hinter der Theke mit Magdalena scherzte. Und sie schienen ziemlich vertraut miteinander zu sein. Vitus war jung und kräftig und natürlich der Juniorchef des Mädchens, wie sollte Klexendorff da eine Chance haben? Traurig ging Gerhard nach Hause und ließ sich von der Oberpostratswitwe mit herrlichem Kuchen trösten. Doch Magdalena ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Wie wäre es, wenn er jünger wäre? Hätte er bei ihr dann eine Chance?
    Am nächsten Tag – Klexendorff hatte seine Arbeit am Theater beendet – saß er noch sinnend in der Maske, bis er plötzlich, wie in Trance, begann sich selbst zu schminken. Ein Offizierskorsett und ein schöner Anzug aus dem Fundus des Theaters waren schnell besorgt. Und plötzlich war aus einem durchschnittlichen Endvierziger ein stattlicher, junger und gutaussehender Mann geworden, auch dank eines falschen Oberlippenbarts und einer dunkelhaarigen Perücke. So ging er in den „Läufigen Kater“ und schnell bemerkte Gerhard, wie er von allen Seiten angestarrt wurde. Niemand in dem gut besuchten Gasthof erkannte ihn, und was ihn besonders erfreute war, dass die anwesenden Frauen ihn mit interessiertem Wohlwollen betrachteten. Er setzte sich an einen Tisch und die Kellnerin Magdalena kam sogleich heran, um nach seinen Wünschen zu fragen. Er bestellte sein übliches Abendessen und lächelte die wunderbare Kellnerin an. An diesem Abend blieb er lange und sprach einige Male mit Magdalena, die gerne neben ihn stehen blieb und sich in ein Gespräch verwickeln ließ. Gerhard Klexendorff ging von nun an regelmäßig in den Gasthof und versuchte Magdalena zu betören. Den alten Gerhard schien niemand zu vermissen. Eine Woche später hatte sie ihren freien Tag. Sie trafen sich an der alten Stadtmauer und gingen spazieren. Zuerst noch vorsichtig distanziert, doch später Arm in Arm. Er hatte sich vollkommen in das Mädchen verliebt und auch sie schien ähnliches für ihn, der auch charmant sein konnte, zu empfinden. Sie trafen sich nun häufig, und er – der sich ihr als Chlodwig vorgestellt hatte – hoffte. Hoffte auf eine Zukunft mit ihr, natürlich auch ohne Maske. Und eines Tages landeten die Verliebten in Magdalenas Bett. Er fühlte sich wie im Himmel, denn sein kühnster Traum hatte sich erfüllt, und er verschwendete noch keinen Gedanken daran, wie er ihr seine wahre Identität schonend offenbaren konnte. Er war einfach nur glücklich. Doch dann kam der Morgen.
    Während des Schlafes hatte sich die Schminke verwischt und die Perücke war verrutscht. So wandelte er sich im Schlaf vom jungen, gutaussehenden Chlodwig in den nicht mehr ganz taufrischen Gerhard. Klexendorff wurde damit der erste Schlafwandler. Und der Schock für Magdalena war groß. Sie fühlte sich mit Recht getäuscht und warf Gerhard hinaus.
    Sie heiratete bald darauf – von der Welt und Gerhard enttäuscht – den Wirtssohn Vitus Plumpsberger und wurde eine angesehene Bürgerin von Gotha. Während Klexendorff in einem Anfall von Hoffnungslosigkeit die Oberpostratswitwe Burgmeier ehelichte und den Verein „Altern ohne Angst“ gründete.

  20. Der Schwerenöter und Schock schwere Not:

    Erwin Nöter war ein dicker, schwerer Brocken, aber auch ein Frauenversteher, der in jungen Jahren so manches Frauenherz erobert hatte. Und wenn er einem Mann die Freundin ausgespannt hatte, hieß es gleich: „Der schwere Nöter schon wieder!“ Sie konnten nicht verstehen, warum es so einen schwergewichtigen Mann reihenweise gelang die Frauen zu betören. Aber Nöter umgab eine sehr besondere Aura und er war so charmant, dass das seinen fülligen Körperbau bei der Damenwelt mehr als ausglich. Aus „der schwere Nöter“ wurde im Volksmund schnell der Schwerenöter, wenn von einem Herzensbrecher die Rede war.

    Aber Erwin Nöter hatte sich auch als Erfinder einen Namen gemacht. Als sein Großvater, der alte Konditormeister Egon Kühnlächler, der einen Körperbau hatte, der seinesgleichen suchte, denn er war umfangreich wie ein ausgewachsenes Rindvieh und mindestens genauso schwer, sich eines wunderschönen Morgens den rechten Fuß brach – nur weil er eine vorwitzige Katze vom heißen Ofen verscheuchen wollte und sich dabei kräftig an einem Eisengitter stieß – wurde es schwierig. Da er sich weigerte mit dem gesunden Bein ins Krankenhaus zu hüpfen, da die zu erwartenden Erschütterungen, wie er zu recht meinte, dem alten Stadtkern Schäden hätten zufügen können, kam der gerufene Wundarzt Paul Gustaf Schock in Not, auch weil die Wunde sich entzündet hatte und weitere Komplikationen nur eine Frage der Zeit waren, und so wurde das Aufsuchen eines Krankenhauses unerlässlich. Wie ihn auf die Krankenstation bringen, denn der Patient war für einen normalen Transport viel zu schwer? Schock war in schwerer Not! Doch Erwin Nöter hatte eine Idee. Er war als Jugendlicher begeisterter Rhönrad-Sportler gewesen. Warum dieses Sportgerät nicht als Transportmittel nutzen? Er setzte sich mit dem Seilmacher Schorsch Beutelschneider und dem Schmied Fritz-Uwe Keulmann zusammen, um ein Rhönrad umzurüsten. Das Ergebnis war ein verstärktes Gerät mit Seilen und Schnallen, die allerhöchsten Belastungen standhalten konnten. Und es gelang! Großvater Egon wurde mit mehreren kräftigen Seilwinden in das liegende Rhönrad platziert und mit den Schnallen und Seilen gesichert, aufgerichtet und zum Krankenhaus gerollt. Ein voller Erfolg! So wurde aus dem Herzensbrecher – dem Schwerenöter – auch noch ein Helfer der Menschheit.

  21. Schwein gehabt:

    Manuel-Peter Bräsig war ein Kenner der deutschen Bratwurst. Er kannte sie in allen Schattierungen und Geschmacksrichtungen, obwohl er eigentlich die ganz normale Bratwurst aus Schweinefleisch bevorzugte. Ein scharfer Senf dazu und ein Brötchen und schon war Manuel-Peter Bräsig glücklich. Und dass änderte sich auch nicht, als er eines Tages eine Frau kennenlernte. Manuel-Peter Bräsig war sich nie sicher. Liebte er seine Frau um ihrer selbst willen, oder doch eher weil sie täglich in Mengen wunderbare Bratwürste für ihn briet. Er bemerkte besonders im Hochsommer eine Entfremdung, wenn er am Grill stand und die Würste selbst zubereitete. Denn da benötigte er seine Frau Amanda nicht. Und irgendwie hatten sie sich auch nicht viel zu sagen. Nicht einmal über Kinder verloren sie ein Wort. Für sein Glück reichten Bratwürste vollkommen aus, und andere Themen verloren sich im Glücksgefühl in eine Wurst beißen zu können. Um seine Essgewohnheiten etwas flexibler zu gestalten, erlaubte Manuel-Peter Bräsig seiner Frau ihn auch mal eine besonders dicke Brühwurst heiß zu machen. Immerhin noch besser als eine einfache Bockwurst, die er aber zur Not auch vertilgt hätte. So plätscherte das Leben des Ehepaares dahin, bis Manuel-Peter Bräsig zufällig auf den Beerdigungsunternehmer Detthold „die Made“ Fütterer traf, der Unmengen Geflügel verzehrte. „Die Made“ wurde von Fütterers zweitem Standbein, der Aufbereitung von Lebensmittelresten von Großküchen und Restaurants abgeleitet. Böse Zungen behaupteten, dass er bei der artgerechten Entsorgung zwischen menschlichen Leichen und den besagten Lebensmittelresten keinen allzu großen Unterschied machte. Fütterers Lieblingsgeflügel waren Hühner und hier favorisierte er besonders die Flügel. Und diese Hühnerflügel bereitete er so schmackhaft zu, dass Bräsig plötzlich komplett seine Nahrungsgewohnheiten umstellte und den totalen Schwenk von der deutschen Bratwurst auf Hühnerflügel vollführte. Alle Schweine im weiteren Umkreis atmeten erleichtert auf. Aber diese massive Lebensumstellung zerstörte innerhalb kürzester Zeit die Ehe von Manuel-Peter und Amanda Bräsig. Sie ließen sich scheiden, und als ihm eines Tages der Rasierpinsel in den Abort gefallen war und die Rettungsversuche vergeblich waren, begann er zum ersten Mal in seinem Leben intensiv nachzudenken. Irgendwie schien ihn das Glück verlassen zu haben. Denn auch der Ersatzrasierpinsel ging den gleichen Weg. Manuel-Peter verlor einen Regenschirm nach dem anderen, das Haar ging ihm aus, trotzdem bekam er Schuppen, er wurde von einem Zwergpinscher und einer Zecke gebissen und die Hühnerflügel hingen ihm auch schon zum Halse heraus. Er wurde gläubig und begann jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Doch nichts half. Dann kam der Domkapitular Hillarius Schmitz-Muskelmeier in die Stadt. Der fromme Kirchenmann war ein wohlbeleibter und glatzköpfiger Mann, der immer – mit der Bibel in der Hand – lächelte und galt als großer Seelsorger, der die Sorgen auch der kleinen Leute verstand. Der Domkapitular war gerade beim Essen, als Manuel-Peter Bräsig ihn aufsuchte und ihn um Rat und Hilfe bat. Schmitz-Muskelmeier aß mit wahrlich entrückten Gesichtszügen Bratwürste und als Beilage Stampfkartoffeln und Sauerkraut. Bräsig konnte es körperlich fühlen, wie der Domkapitular voller Wonne und Hingabe aß. Und plötzlich wusste Bräsig, wie sein Problem zu bewältigen war. Er löste sich von Detthold „die Made“ Fütterer, entsagte sich den Hühnerflügeln und legte sein kulinarisches Augenmerk wieder voll auf die deutsche Bratwurst aus Schwein. Und sie mundete ungemein und seine Sorgen und Nöte waren plötzlich verschwunden. Er wurde wieder ein glücklicher Mensch, dem alles zu gelingen schien. Und eines Tages kehrte auch Amanda zu ihm zurück und sie nahmen ihr altes Leben im Einklang mit seinen Essgewohnheiten und der Bratwurst wieder auf.

  22. „Guck nicht wie ein kaputtes
    Auto“

    Ende des 19. Jahrhunderts wurde im Norden Frankreichs ein erstes Autorennen veranstaltet. Der umtriebige Journalist Jean-Louis de Grand Prix hatte die Idee und fungierte auch als Organisator dieses Events. Als Mäzene konnte er die Banker Jean-Baptiste de Portemonnaie und Jean-Marie de Gage gewinnen. Das Rennen führte rund um Reims. An der Strecke hatten sich drei Gasthofbesitzer gefunden, die die Fahrer unterwegs mit Getränken und auch fester Nahrung versorgen konnten. Lucas Chaiselongue, Lucien Kanapee und Camille Aperitif mit deren berühmten 2-Sterne-Koch Yannick Bouillon versprachen sich davon ein gutes Geschäft. Es gab aber auch eine extra für das Rennen errichtete Servicestation, die von Clement Pissoir betrieben wurde. Für den Bau dieser Station und für die stadiongleiche Zieleinfahrt konnten die Architekten Jean-Pierre Garage und Jean-Jacques Remise gewonnen werden. Natürlich gab es auch Gegner des Automobils, die diese Erfindung als Teufelszeug ansahen. Hier tat sich besonders der Laienprediger Jerome Trottoir hervor, der demonstrierend an der Strecke stand. Die einzige Fahrerin im Feld war die Comtesse Monique de Carambolage, die sich auch schon in anderen Sportarten hervorgetan hatte. Der große Favorit des Rennens war der Gentleman-Fahrer Vicomte Jean-Luc d’Ampel, dessen Diener Bernard Bagage angstschlotternd neben ihn im Auto Platz nehmen musste. Als d’Ampels größter Konkurrent galt der glatzköpfige Multimillionär Jean-Marc de Cabriolet. Als weitere Fahrer traten Jean-Claude de Collision, Jean-Alexandre de Limousine, Jean-Yves de Coupé, Jean-Philippe de Chaussee und der Deutsche Hans-Peter Freiherr von Bleifuß an. Viele Zuschauer säumten die Strecke und waren von dem Rennverlauf begeistert. Als der letzte im Feld, Jean-Claude de Collision, die vor ihm liegende Comtesse de Carambolage überholen wollte, kam es zu einem Zusammenstoß, der beide ramponiert ausscheiden ließ. Der herbeigeeilte Sanitäter Jean-Michel d’Unfall versorgte die Konkurrenten, die nur leichte Verletzungen erlitten hatten. Die beiden Autos waren aber nur noch Schrott. Und als ein kleiner Junge bewundernd mit offenem Mund vor dem Auto der Comtesse stand, sagte seine Mutter unfreundlich: „Guck nicht wie ein kaputtes Auto.“ Nach einem sehr spannenden Rennverlauf siegte schließlich Jerome Trottoir, denn keines der Autos erreichte, meistens aus technischen Gründen, die Zielflagge. Die extra für die Siegerehrung angereiste Mathilde de Coupon, eine Nichte Jean-Baptiste de Portemonnaies, nahm den ausgelobten Pokal unverrichteter Dinge wieder mit nach Hause. So musste der Pokal noch ein ganzes Jahr warten, bis er einem glücklichen Rennfahrer übergeben werden konnte.

    ‚tschuldigung. Ist eigentlich nur kompletter Schwachsinn. Um das „Blog-Niveau“ nicht allzu sehr zu gefährden, kann dieser Beitrag natürlich gelöscht werden.

  23. Zur Erinnerung:

    Bayern will die Unabhängigkeit

    01.07.2015:
    Parteitagsbeschluss der CSU: Die Unabhängigkeit Bayerns wird angestrebt.
    20.09.2015:
    Eine Volksbefragung spricht sich für ein unabhängiges Königreich und für die Begnadigung von Uli Hoeneß aus.
    25.11.2015:
    Franz Herzog von Bayern, das Oberhaupt des Hauses Wittelsbach verzichtet auf den Thron.
    01.01.2016:
    Horst Seehofer lässt sich vom Kardinal von München und Freising zum König krönen und nimmt den Namen Ludwig IV. an. Uli Hoeneß wird Finanzminister.
    17.07.2016:
    Rücktritt Ludwigs IV. wegen unklarer Erbfolge. Mehrere Vaterschaftsprozesse.
    21.10.2016:
    Volksbefragung: Wahl des künftigen Königshauses: Familie Strauß oder Familie zu Guttenberg. Die Familie Strauß setzt sich durch.
    03.11.2016:
    Max Strauß wird als Maximilian III. zum König gekrönt.
    04.11.2016:
    Unruhen in Niederbayern und Oberfranken. Von Wahlmanipulationen ist die Rede. Monika Hohlmeier spricht von einwandfreien, demokratischen Wahlen.
    07.11.2016:
    Karl-Theodor zu Guttenberg wird zum Gegenkönig ausgerufen. Krönung. Karl-Theodor I., König von Niederbayern.
    13.11.2016:
    Vermittlungsversuche Edmund Stoibers fruchten. Das Königreich Bayern wird offiziell in die Königreiche Ober- und Niederbayern geteilt. Die Franken sprechen sich für den Anschluss an Niederbayern aus.
    16.11.2016:
    Monika Hohlmeier, die eigentliche Regentin Oberbayerns fordert den freiwilligen und historisch notwendigen Beitritt der Pfalz zu Oberbayern.
    19.11.2016:
    Der Krieg um die Pfalz beginnt. Eine Gebirgsjägereinheit Oberbayerns marschiert in Pirmasens ein.

  24. 20.11.2016: Finanzminister Hoeneß gibt bekannt, dass seinem gerade geborenen Enkelsohn Ferdinand eine Enkeltochter der französischen Dreyfus-Dynastie zur Ehefrau versprochen wurde. Die Heirat ist für das Jahr 2034 geplant. Die sich abzeichnende Achse Paris – München gilt als das neue Epizentrum europäischer Macht.

  25. Die Diktatur der Lerchen

    Allerorten erkennt man eine Bevorzugung der Frühaufsteher – der sogenannten Lerchen. Was ist das eigentlich für eine Welt in der Eulen so unterdrückt werden? Und ich bin eine Eule und gebe es unumwunden zu. Und eine Eule zu sein ist hierzulande fast schon etwas Anrüchiges. „Wie kann ein Mensch bloß so lange schlafen?“ wird man immer gefragt. „Ich?“ „Ja.“ Und meistens – zumindest früher – fiel mir dazu nichts besonders Intelligentes ein. Erst im fast schon gesetztem Alter durchschaute ich diese perfide Argumentation beziehungsweise Frage und forschte nach: „Wann stehst Du denn auf?“ „Spätestens so gegen halb sechs und am Wochenende tatsächlich manchmal erst um sieben.“ „Mein Gott. Und wann gehst Du zu Bett?“ „Spätestens um neun. Am Wochenende halte ich schon mal bis halb zehn durch!“ Aha. Wer schläft hier also am längsten? Ich, die Eule? Nein, im Gegenteil die Lerchen. „Ist doch vollkommen natürlich um halb sechs oder sechs aufzustehen und nach der Tagesschau sich langsam auf das Bett vorzubereiten, aber ja… Da hat man wenigstens noch etwas vom Tag!“ Hä? Mit maximal 15 Stunden auf den Beinen? Ich war – während meiner Arbeitnehmerzeit – minimal 18, meistens sogar 19 Stunden – oder mehr, ich gebe es zu – auf den Beinen. Während die Lerchen schon lange schnarchten, wurde ich erst richtig kreativ und munter. Jawoll. Trotzdem abermals wieder die fast schon verächtliche Frage: „Wie kann man bloß bis neun oder gar zehn schlafen? Verstehe ich nicht. Sorry.“ So eine unmögliche, perverse Doppelmoral! Der frühe Vogel fängt den Wurm, heißt es. Wie definiert man früh? Um 06:00 Uhr, oder warum nicht doch schon um 03:00 Uhr? Gut, dann ist es für mich eher ein Betthupferl. Aber egal. Aber warum muss man als Eule so viel Ungerechtigkeiten und Nachteile ertragen? Weil die Lerchen scheinbar in der Überzahl sind. Und zwar eindeutig! Scheint zumindest so. Oder ist es vielen Eulen peinlich für ihre Sache einzustehen? Warum muss ein knapp sechsjähriges Kind morgens schon um 07:30 Uhr – besonders im Winter – in der Schule sitzen und dass bei einem vielleicht relativ langen Schulweg, der mit einem Aufstehen um 06:00 Uhr beginnt? Das arme Kind! Sind denn sämtliche Lehrer Lerchen? Warum gibt es bei Behörden, Ärzten und natürlich Schulen Öffnungszeiten, die nur auf die Lerchen fixiert sind. Wo sind zum Beispiel die Ärzte, die bei ihren Praxiszeiten komplett auch auf Eulen setzen, statt Termine in aller Herrgottsfrühe anzubieten, wie ich selbst schon einmal um 05:00 Uhr – wo bei einer Eule gerade erst die Tiefschlafphase einsetzt – aus den wunderbaren Federn springen musste – na, es war eher ein Herausquälen mit vielen Stoßseufzern untermalt, um einen wichtigen Arzttermin weit außerhalb rechtzeitig erreichen zu können. Eine Zeit von 12:00 bis 20:00 Uhr würde doch vollkommen für Menschen wie mich genügen. Warum gibt es so etwas nicht? Warum werden Eulen so diskriminiert? Und warum sind Lerchen so rücksichtslos und ignorant? Ich fordere vehement ein Ende der Diskriminierung von Eulen und ein Ende der gnadenlosen Lerchenherrschaft! Amen!

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